Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 6 (1934)
- Date
- 1934-01-01
- Page
- – (sequence 304)
- Language
- German
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Trotzdem also auf amtlichem Wege keine Bestätigung von Auslandsbeziehungen böhmischer Juden und von einer Beeinflussung derselben durch den Pariser Sanhedrin zu erlangen war, ging in Prag damals das Gerücht, daß die Prager Juden mit den französischen, namentlich aber mit den holländischen Juden in steter schriftlicher Korrespondenz stünden und daß sogar einige jüdische Delegaten von Prag über Dresden nach Paris zu dem dortigen jüdischen Sanhedrin abgereist seien. Diese unverbürgten Gerüchte drangen auch nach Wien und die Oberste Polizeistelle machte im Dezember 1809 Wallis hievon Mitteilung mit dem Auftrag, festzustellen, was daran Wahres sei, und ein strenges Augenmerk auf die Juden zu haben, wie sie schon lange verdienten.6 Wallis richtete zwar umgehend ein streng vertrauliches Erkundigungsschreiben in dieser Sache an den Prager Polizeidirektor Grafen Kolowrat, doch auch jetzt förderten die amtlichen Erhebungen nichts Positives zutage. Aber auch dieses negative Ergebnis vermochte das Mißtrauen der Wiener Behörden gegenüber der Prager Judenschaft nicht zu zerstreuen. Die Oberste Polizeistelle war auch weiterhin überzeugt, daß die Prager Juden insgeheim ständige Beziehungen zu den jüdischen Reformatoren im Königreich Westfalen unterhalten, zu Jakobsohn und Fraenkel. In ihrem Erlasse an das Prager Gubernialpräsidium d. d. 17. März 1810 gab die Oberste Polizeistelle zwar zu, daß diese jüdischen Reformbestrebungen vor allem die Hebung der jüdischen Bildung bezweckten, aber sie sprach gleichzeitig die — sicherlich richtige — Überzeugung aus, daß durch solche Reformbestrebungen bei den Juden nur die Unzufriedenheit mit ihrer bisherigen Rechtslage und mit der Wiener Regierung genährt würde, da für die Juden in den österreichischen Ländern noch gar nichts von all dem bewilligt worden war, was sie in Westfalen erlangt hatten. Doch der Auftrag der Obersten Polizeistelle an das Prager Gubernium, diese gefährlichen jüdischen Tendenzen in Evidenz zu halten, zeitigte kein praktisches Ergebnis. Wallis nahm ihn zur Kenntnis, machte ihn aber nicht zum Gegenstand einer amtlichen Erhebung, vermutlich deshalb, da ihm von früheren Versuchen her die damit verbundenen Schwierigkeiten nur allzubekannt waren. Das Gubernium beschränkte sich damals lediglich auf eine Verschärfung der Zensur jüdischer Schriften und schritt auch zur Einführung der Zensur der hebräischen Aufschriften auf jüdischen Grabsteinen.7 Den Anstoß hiezu gab der jüdische Zensor und Translator Fischer, oder vielmehr einige angesehene Prager Juden und Rabbiner. Nach der Behauptung Fischers waren sie nämlich wiederholt an ihn mit dem Ersuchen herangetreten, er möge neben der Zensur hebräischer Schriften auch die Zensur der jüdischen Grabdenkmalinschriften übernehmen. Die letztere war bisher von dem ehemaligen Judenältesten Wolf Moscheies und einem 293