Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 6 (1934)
- Date
- 1934-01-01
- Page
- – (sequence 302)
- Language
- German
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wohl sie sich von der Pariser Aktion einen günstigen Einfluß auf die Rechtslage der Judenschaft auch in andern europäischen Staaten versprächen und daher auf ihr Ergebnis neugierig seien. Die armen Juden schließlich hätten keine Zeit für politische Erwägungen, kümmerten sich nicht um die Pariser Ereignisse und ihre Neugier in dieser Hinsicht sei nicht tiefer begründet. Die wohlhabendere Judenschaft Böhmens in vorgerückterem Alter sei mit ihrer gegenwärtigen Lage zufrieden und halte am Talmud fest, nur die jüngere Judengeneration neige mehr zu einer Naturreligion oder sei in religiösen Dingen indifferent. Weil nach amtlicher Feststellung noch niemand aus Böhmen nach Paris abgereist sei, gab Wallis der Hoffnung Raum, es bestehe auch für die Zukunft keine solche Gefahr. Die Befürchtungen der Wiener Stellen hinsichtlich des Eindrucks, den der Pariser Sanhedrin auf die Juden in Böhmen haben könnte, erwiesen sich also im allgemeinen als unbegründet, soweit sich dies durch den unzulänglichen Nachrichtendienst der amtlichen Stellen und durch das übliche Öffnen der Privatkorrespondenz feststellen ließ; diese Methode war allzubekannt, als daß es ihr gelungen wäre Nachrichten wirklich vertraulichen Charakters zu erlangen. Doch bald wurde die Aufmerksamkeit der Wiener Stellen neuerdings auf die jüdische Frage gelenkt. Den Anlaß bot Ende 1807 der Breslauer Landesrabbiner Fraenkel, der vor seiner Abreise zum Pariser Sanhedrin am 1. September 1807 ein Rundschreiben an seine Glaubensgenossen richtete und sie ermutigte, zum Pariser jüdischen Sanhedrin und zu Napoleon Vertrauen zu haben, indem er prophezeite, daß ersehnte jüdische Gottesreich sei nahe. Dabei kündigte er die baldige Herausgabe eines Werkes an mit dem Titel: „Widerlegung der Vorurtheilen für und wider das Christenthum nebst Vorschlägen zu einer Universal-Kirchen-Reform, Vereinigung aller Religionen und Organisation eines Weltgerichts". Diese Reformbestrebungen mußten natürlich der mißtrauischen französischen Regierung äußerst bedenklich erscheinen. Der Polizeiminister Sumerau beeilte sich daher, Wallis auf Fraenkels Aktion aufmerksam zu machen, und forderte ihn auf, die angekündigten Reformschriften im Auge zu behalten und ein eventuelles Eindringen unter die böhmische Judenschaft zu verhüten.4 Wallis hatte nun kein anderes Mittel zur Hand, als allen untergeordneten Behörden entsprechende Weisungen zu erteilen, nämlich der Stadthauptmannschaft, allen Kreisämtern, der Zensurstelle und der Postdirektion. In der Tat dauerte es nicht lange und die Prager Polizeidirektion stellte bei den Prager Juden Jonas Wehle und Salomon Buntzel das verbotene jüdische Gebetbuch „Machsor" fest und bei dem jüdischen Studenten Isaak Benedikt Jeiteles den oberwähnten Aufruf von Fraenkel. Alle drei aber weigerten sich die 291