Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 6 (1934)
- Date
- 1934-01-01
- Page
- – (sequence 300)
- Language
- German
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den Akten beiliegen, bringen für die Hauptfrage nichts von Belang, da sie nur einwandfreie Mitteilungen persönlicher Natur enthalten. Der übermäßige Eifer im Auffangen von jüdischen Privatbriefen zog im Gegenteil dem Trautenauer Postmeister noch eine Rüge des Gubernialpräsidiums zu; es wurde ihm bedeutet, das Auffangen der Korrespondenz besorge das Prager Oberpostamt und die Provinzpostämter hätten keine Briefschaften auf Prag abzufangen. Nach der Mitteilung des Polizeikommissariates in Teplitz war den Juden klar, Napoleon wolle durch die neue Organisation der Juden mittels der Juden auf das übrige Europa einwirken und sich so über die Lage in andern Ländern informieren; zu diesem Zwecke habe er stets zwei Juden aus dem Sanhedrin bei sich im Hauptquartier. Die Psychologie des böhmischen Juden unterwarf der Caslauer Kreishauptmann in seinem Bericht einer eingehenden und recht scharfsinnigen Erörterung. Er teilte die Juden in drei Gruppen: in orthodoxe, in indifferente und in arme Juden, die sich vom Hausieren nähren. Die Gesamtauffassung der Pariser Ereignisse versuchte er folgendermaßen treffend zu kennzeichnen: Die orthodoxen jüdischen Gelehrten—so berichtet er —sind der Meinung, der Pariser Sanhedrin ist nicht in der Lage die Reinheit des Judentums wiederherzustellen, schon aus dem Grunde nicht, da die wichtigste Voraussetzung hiezu fehlt, das jüdische Reich, dessen Rolle natürlich dem gelobten Lande zufallen müßte. Die französische Aktion verfolgt nach ihrer Überzeugung nur politische und weltliche Ziele, zu deren Erreichung sich Napoleon die Anhänglichkeit der Juden an ihre Religion dienstbar machen will. Die Untertänigkeit der Juden darf nach Meinung dieser orthodoxen Juden einzig und allein Gott aufheben, und die französische Regierung müßte daher erst wunderbare Beweise von dieser ihrer göttlichen Sendung liefern, falls ihr die Juden Vertrauen schenken sollten. Die indifferenten Juden dagegen, eher Deisten denn Juden, die nur gewohnheitsmäßig oder unter dem Druck der Verhältnisse an ihrer Religion festhalten, kümmern sich nicht um die religiöse Reformation des Judentums, mißtrauen der französischen Regierung und erblicken im Pariser Sanhedrin nur eine Lockung. Da sie also nichts überflüssigerweise aufs Spiel setzen wollen, exponieren sie sich nicht für die Napoleonische Aktion; sie sind im Gegenteil überzeugt, die französische Regierung würde schließlich den Juden auch nur das Geld abnehmen. Eine streng praktische Einstellung zu diesen Fragen nahmen nach der Relation des Caslauer Kreishauptmanns auch die unbemittelten „Pinkeljuden" ein, die ihre religiösen Pflichten nur ganz mechanisch verrichteten, durch Gebet und äußeren Kult, trotzdem aber der jüdischen Religion fanatisch ergeben waren, wiewohl ihnen das eigentliche Wesen derselben fremd blieb. Diese behaupten, das gehe nur die Rabbiner und die studierten Juden an. „Wenn wir auch nach 289