Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 6 (1934)
- Date
- 1934-01-01
- Page
- – (sequence 166)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2644300-2644315--2570-2646916- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Besondere Aufmerksamkeit widmeten die Behörden auch der Erforschung der Ursache des Brandes. Da das Feuer an mehreren Stellen gleichzeitig ausgebrochen war, schloß man mit vollem Rechte, daß es gelegt worden war. Für diese Ansicht sprachen auch einige ähnliche Fälle noch aus der Zeit vor dem Brande. So wurde z. B. im Oktober 1753 eine Brandstiftung im Hause des Bendet Nachod entdeckt, ähnlich später, im August 1754, in einem Hause, dessen Eigentümer Jacob Samuel Wien13 war. Aus dem neu benützten amtlichen Material läßt sich nicht recht feststellen, was für Schritte die Behörden unternahmen, um die Urheber des schrecklichen Brandes zu ermitteln. Wir ersehen daraus nur soviel, daß die königl. Repräsentanz am 24. Mai 1754 nach Wien einen Bericht über die Feuersbrunst erstattete, in welchem sie auch die Bemühungen der politischen und militärischen Behörden erwähnte, den noch immer schwelenden Brand zu ersticken und die Urheber der unmenschlichen Tat zu ergreifen; es wurden dort offenbar auch die Ergebnisse der bisherigen Nachforschungen bekanntgegeben, nämlich, daß einige verdächtige Leute verhaftet worden seien und nach weiteren gefahndet werde.14 Die Kaiserin nahm diesen Bericht mit Dank entgegen und forderte die Behörden mit Hofdekret vom 8. Juni auf, mit ungemindertem Eifer in der Ausforschung der Mitschuldigen fortzufahren und alles Nötige zur Verhinderung ähnlicher Unglücksfälle vorzukehren. Aus anderen Quellen erfahren wir von mancherlei Einzelheiten, die zeitlich zu den verlorengegangenen, nach Wien gesandten Berichten passen.15 Am 20. Mai 1754 wurde ein christliches Mädchen bei dem Versuche, das Neustädter Spital anzuzünden, ertappt und beim Verhöre bekannte es sich auch zur Brandlegung in der Judenstadt, erklärte aber, daß es dazu durch fremde Juden angestiftet worden sei. Daraufhin leiteten die Behörden Nachforschungen nach Juden ein, deren Äußeres nur einigermaßen zu der von dem Mädchen gegebenen Beschreibung paßte; einige davon wurden eingekerkert und fünf davon elf Monate in Gefangenschaft belassen, ohne daß man gegen sie irgendeinen triftigen Beweis gehabt hätte außer der fragwürdigen Angabe der Brandstifterin. Und damit endeten auch alle Nachforschungen nach den Urhebern des Brandes. Die zweifelhaften Angaben des christlichen Mädchens bewirkten jedoch, daß das Volk die Juden als Mordbrenner ausrief, vor denen man sich in Acht nehmen müsse. Erst, als auf Einschreiten der Behörden in allen Kirchen den Gläubigen bekanntgegeben wurde, daß die Juden unschuldig seien, hörten allmählich die judenfeindlichen Reden auf. Durch den Brand ging die Prager jüdische Gemeinde zu Grunde. Die Anfänge ihrer wirtschaftlichen Regeneration waren zerstört, und die Juden gerieten wiederum in eine sehr trübselige Situation. Als sie vor etlichen Jahren aus der Verbannung nach Prag zurückkehrten, kamen sie 161