Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 6 (1934)
- Date
- 1934-01-01
- Page
- – (sequence 156)
- Language
- German
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mittag sich mit der städtischen Kommission nach Lieben zu begeben, um diesen Ort in Augenschein zu nehmen und der Anfertigung des Grundrisses für das künftige Ghetto beizuwohnen. Wie verhielten sich die Juden zu dem Plane, sie nach Lieben zu übersiedeln? Für sie war die kaiserliche Resolution ein wahres Verhängnis. Sie sollten in kürzester Zeit die alte Judenstadt mit den ehrwürdigen Gotteshäusern und den Gräbern ihrer Ahnen verlassen und sich neue Wohnstätten auf den Feldern des Dorfes Lieben, außerhalb von Prag aufbauen . Wie sollten sie die hiezu erforderlichen Mittel aufbringen? Es gab allerdings reiche Juden im Prager Ghetto, die auch in dieser schwersten wirtschaftlichen Not die Kosten für den Aufbau ihrer Häuser beschaffen konnten. Allein die große Mehrzahl der Prager Juden bestand aus Händlern mit geringem Kapital, das in Waren angelegt war, die im Tandelmarkt oder in ihren Häusern wegen der Ansteckungsgefahr unter Sperre lagen und daher nicht zu Geld gemacht werden konnten. Die Häuser im Ghetto waren über ihren Wert verschuldet. Es war den Juden daher nicht möglich, die Gelder zum raschen Aufbau ihrer Häuser aufzubringen. Und so konnten sie es voraussehen, daß sie mit ihren Frauen und Kindern nicht nur den Sommer, sondern auch den Winter in den in aller Eile errichteten Holzbaracken verbringen müßten. Aber auch wirtschaftlich war für sie die Verlegung des Ghettos nach Lieben von Nachteil. Nicht alle jüdischen Händler hatten ihre Läden am Tandelmarkt, sondern viele hielten in der Judenstadt in offenen Läden oder in ihren Wohnungen verschiedene Waren feil, die nicht nur von den Bewohnern Prags, sondern auch von auswärtigen Besuchern der Stadt gekauft wurden. Diese Händler wären im Liebener Ghetto um ihren Erwerb gekommen, da die Käufer es nicht nötig gehabt hätten, den weiten Weg nach Lieben zurückzulegen, um dort Waren zu kaufen, die sie bei den Juden am Tandelmarkt oder bei den christlichen Kauf leuten in Prag kaufen konnten. Auch konnten die Juden dem Versprechen, daß sie den Tandelmarkt auch weiterhin behalten würden, nur wenig Vertrauen entgegenbringen, da zu befürchten war, daß es in nicht zu ferner Zeit ihren Feinden gelingen würde, sie auch von dort zu entfernen. Dazu kam noch, daß sie in ihren Häusern in Lieben schutzlos den Angriffen des raublustigen Pöbels und in Kriegszeiten den Übergriffen der Soldateska preisgegeben wären. Sie waren daher entschlossen, alles zu tun, um dieses Verhängnis von sich abzuwenden. Sie suchten einflußreiche Persönlichkeiten für ihre Sache zu gewinnen und wie wir aus den Berichten des Altstädter Magistrates und der kaiserlichen Kommission erfahren,10 sollen sie dem Kaiser einen größeren Betrag für die Widerrufung des Dekretes angeboten haben. Jedenfalls handelte es sich für die Juden darum, Zeit zu gewinnen 151