Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 6 (1934)
- Date
- 1934-01-01
- Page
- – (sequence 70)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2644300-2644315--2474-2646820- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
weitere der Sache und der Person Wesselys durchaus ungünstige, ja geradezu mißgünstige und gehässige Äußerung von jüdischer Seite bereichert hatte. Man muß diese jüdischen Gutachten in ihrem vollen Wortlaut lesen, um den Geist kennen zu lernen, der aus ihnen spricht. Erläuternde Ausführungen und kritische Bemerkungen könnten den Eindruck jener historischen Dokumente nur abschwächen. Sie enthalten nicht uninteressante Beiträge zur Kulturgeschichte und geistigen Haltung der Juden in Prag während der Zeit, in welcher der Kampf der traditionellen jüdischen Bildung gegen die fortschrittliche Richtung noch unnachgiebig andauerte, und die letztere mit allen Mitteln am Aufkommen hindern wollte. Das mangelnde Verständnis für neue Wissenschaft und Wissenschaftlichkeit, die Verdächtigung der modernen pädagogischen Methoden und die persönliche Gehässigkeit gegen einen Gelehrten von fortgeschrittener Bildung, welche aus allen drei jüdischen Gutachten sprechen, erfuhr eine vernichtende Kritik und völlig überzeugende Widerlegung durch ein eingehendes und ausgezeichnetes Gutachten des Professors des Bibelstudiums des Alten Bundes und der orientalischen Sprachen an der Prager theologischen Fakultät Dr. Johann Mar an. Es zeigt seinen Verfasser als Mann von großer Gelehrsamkeit, wahrer Wissenschaftlichkeit, wissenschaftlicher Gründlichkeit und Exaktheit, sowie edler Menschlichkeit. Mafan faßte seine Ansicht wie folgt zusammen: „Der Gefertigte spricht sich mit Freuden für die Errichtung der fraglichen Lehrkanzel aus; sie liegt a) im Interesse der Wissenschaft; denn dadurch wird Sprachforschung und Philologie, Studien, die heutzutage die gelehrte Welt sehr in Anspruch nehmen, gefördert; die Geschichte der Religion und Philosophie durch den erleichterten Zugang zu den Schriften des Talmud und derRabbinen wesentlich beleuchtet und vervollständigt; dem biblischen Archäologen und Exegeten eine der wichtigsten und reichhaltigsten Quellen seiner Forschungen eröffnet und zugänglich gemacht; b) im Interesse der Verwaltung; denn dadurch wird die Möglichkeit herbeigeführt, das jüdische Schulwesen, dessen Emporkommen und Erweiterung in höherem Grade, als bis jetzt der Fall, zu wünschen ist, im Einklänge mit dem eingeführten Schulsystem allerorten und in allen Zweigen zweckmäßig zu überwachen und zu leiten; den Unterricht, die Prüfungen und Zeugnisse der Rabbinatskandidaten unter gehörige Kontrolle, die als sehr wichtig und wünschenswert sich erweist, zu stellen; endlich nebenbei auch taugliche Individuen für Zensur, Revision, Translatur u. dgl. zu bilden; c) im Interesse der Judenschaft selbst; denn das auf oben angeregte Weise geregelte Schul- und Rabbinatswesen vermag vorzüglich das jüdische Volk auf eine entsprechende Stufe der Bildung und Gesittung zu heben und so für die Gewährung häufig gehegter Wünsche empfänglich 65