Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 6 (1934)
- Date
- 1934-01-01
- Page
- – (sequence 67)
- Language
- German
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Begabung und pädagogischem Geschick. Die damals vorgeschlagene Art der Pflege der hebräischen Sprache und rabbinischen Literatur ist an verschiedenen Universitäten des Deutschen Reiches z. B. in Leipzig, Breslau, Halle und an anderen Orten erst in der Kriegs- und Nachkriegszeit als neue Errungenschaft eingeführt worden, indem mit jüdischen Gelehrten zu besetzende Lektorate für hebräische Sprache und rabbinische Literatur geschaffen wurden. Bezeichnenderweise ist das auf Anregung der theologischen und mit Unterstützung der philosophischen Fakultäten geschehen. Namentlich die theologischen Professoren wünschten für ihre eigenen wissenschaftlichen Arbeiten Beratung und Unterstützung, für ihre Studenten entsprechende Unterweisung in der hebräischen Sprache und rabbinischen Literatur durch erfahrene jüdische Fachmänner. Die Einrichtung hat sich meines Wissens vortrefflich bewährt. Wessely war sonach mit seinen Vorschlägen seiner Zeit weit voraus geeilt, wenn freilich bei der Beurteilung nicht übersehen werden darf, daß er sich stark von praktischen Zwecken leiten ließ. Umso interessanter ist es, aus den Akten zu erfahren, wie sich die von der Behörde um gutachtliche Äußerung ersuchten „Sachkündigen" zu Wesselys Projekt eingestellt und darüber ausgesprochen haben. Zur Erstattung von Gutachten wurde der „notorisch bekannte hebräische Fachgelehrte und erste israelitische Gemeindevorsteher M. J. Landau"3** aufgefordert, der sich mit dem ersten Oberjuristen der jüdischen Gemeinde Solomon Lob Rapoport3*5 ins Einvernehmen setzen sollte. Diese beiden ergänzten ihre Beurteilung durch eine solche des zweiten Oberjuristen R.Samuel Freund?**, bei dem sich nach ihren Angaben, „wie es notorisch bekannt ist, Dr. Wessely da, wo sein Wissen nicht auslangt, Belehrung holt". Alle drei Gutachten fielen für Wessely vernichtend aus. Ihre Verfasser, durchweg Talmudgelehrte von altjüdischem Schlag, zogen gegen Wessely sämtliche Register der Feindseligkeit und Gehässigkeit. Vielleicht glaubten sie, das aus tiefster innerer Überzeugung und heiligstem Pflichtbewußtsein tun zu sollen. Welcher Einblick in den Geist einer versinkenden Epoche und verklingenden Zeit bietet sich hier dar! In den Darlegungen spiegelt sich der Zustand der geistigen Verfassung der Prager Judenschaft in jener Zeit des Übergangs vom alten traditionsgetreuen jüdischen Bildungsideal, das sich im „Lernen" des Religionsgesetzes und des sich daran knüpfenden Schrifttums erschöpfte, zu den geistigen Anforderungen einer neuen Zeit und neuen Welt, die sich mit der Öffnung der Ghettotore auch den Prager Juden erschlossen, aber die richtige Einstellung bei ihnen noch nicht bereitet fanden. Was machten die Gutachten Wessely zum Vorwurf? Landau und Rapoport tadeln zunächst, daß er als Ursache für die Notwendigkeit seiner Institutsgründung die Tatsache angab, daß keine der bestehenden hebräischen 62