Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 6 (1934)
- Date
- 1934-01-01
- Page
- – (sequence 66)
- Language
- German
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in die neueste Zeit hinein geblieben, wenn er seinem angestammten Glauben die Treue bewahrte. Der erste und während nahezu zweier Dezennien der einzige, der in Prag und in Österreich zur ordentlichen Professur an einer Universität gelangte, war Dr. phil. et jur. Wolf gang Wessely (1801 bis 1870), welcher außerdem wohl der erste an der Prager Universität promovierte Doktor der Philosophie gewesen ist.379 Allein die Erlangung der Doktorwürde von zwei Fakultäten stellt eine in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts und namentlich für einen Juden ganz ungewöhnliche Leistung geistiger Begabung und ungeheuren Fleißes dar. Bald machte sich Wessely, der zunächst in Prag als jüdischer Religionslehrer wirkte, durch wissenschaftliche Arbeiten besonders auf dem Gebiete der Hebraistik, des mosaisch-talmudischen Eherechts, der jüdischen Rechtsphilosophie, des österreichischen Straf- und Prozeßrechts in den gelehrten Fachkreisen bekannt. Als im Jahre 1844 die Prager Zensor- und Translatorstelle in Hebraicis durch das Ableben des bekannten langjährigen hebräischen Zensors Carolus Fischer zur Erledigung kam, trat er als aussichtsreicher Bewerber für das damals verselbständigte Translatoramt auf, das ihm später verliehen wurde ,380 Gleichzeitig unterbreitete er dem Erzherzog Stephan als Landeschef von Böhmen einen Vorschlag auf „Gründung eines Lehrinstituts für die Wissenschaft des Judentums und dessen rabbinische Literatur an der hiesigen Hochschule", das unter die Aufsicht des k. k. philosophischen Studiendirektorats gestellt werden sollte.381 Mit anderen Worten, Wessely erbot sich, Vorlesungen über hebräische Sprache und rabbinische Literatur an der Prager Universität unentgeltlich zu halten. Sein Anerbieten begründete er damit, daß die Erwerbung von Kenntnissen dieser Art für eine große Zahl nicht jüdischer Studierenden, für Theologen sowie „den administrativen Zweigen sich widmenden christlichen Individuen" eine Notwendigkeit darstelle, für deren Befriedigung der hebräisch-alttestamentarische Unterricht der theologischen Fakultät nicht ausreiche, weil er sich bloß auf die Elemente der hebräischen Sprache und auf wenige Teile des Alten Testaments beschränke, die rabbinisch-talmudische Literatur und die sonstige jüdische Wissenschaft aber ganz unberücksichtigt lasse. Wessely konnte darauf hinweisen, daß eine ähnliche Einrichtung bereits an der Leipziger Universität bestehe, wo der jüdische Gelehrte Dr. Julius Fürst die Vorlesungen halte .382 Sein Gesuch wurde der Prager Stadthauptmannschaft übermittelt mit dem Auftrage, von dem Antragsteller einen ausführlichen Plan über die beabsichtigten Vorlesungen einzufordern und bei Sachverständigen gutachtliche Äußerungen einzuholen. Der Vorlesungsplan, welcher von Wessely eingereicht wurde,383 sowie die ihm zu Grunde liegenden Ideen zeugen von wissenschaftlicher 61