Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 6 (1934)
- Date
- 1934-01-01
- Page
- – (sequence 49)
- Language
- German
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Judendoktor sie versichert, daß dermalen wenig in der Judenstadt von Kranken befindlich wäre" ,290 Dem Bericht darüber an die Statthaltern fügte allerdings die Fakultät einen Hinweis auf den furchtbaren, geradezu gesundheitsgefährlichen Zustand der Prager Straßen in und außerhalb der Judenstadt hinzu.290 Schon das nächste Protokoll, das Angelegenheiten der Juden betrifft, die Niederschrift vom 11. August 1713291 beginnt mit den erschütternden Worten: „Inter Judeos terribiliter grassatur pestis" [In der Judenstadt grassiert die Pest in furchtbarer Weise]. Es fährt fort, daß von den herbeigerufenen Ärzten und Chirurgen der Juden folgende Angaben gemacht wurden: „Daß der Jude Neustädtel, Rabbiner, diese Nacht gestorben; es seien bis fünfzig Judenhäuser infiziert, das Judenhospital mit Kranken angefüllt, auch in der Jesuitergasse ein Weib und Kind krank an bubonibus. Die Juden begraben die Verstorbenen auf dem Kirchhof, und werden täglich sechs, sieben, acht bis neun begraben".291 Die Fakultät kommt überein, unverzüglich der Statthalterei einen Bericht einzureichen. Der Mangel an Ärzten und Heilpersonal macht sich in der Judenstadt erschreckend fühlbar. Ein Eintrag vom 15. September292 berichtet darüber: „Woher die Beschauer zu nehmen. Wird gefragt, woher in der Not genügsame Beschauer zu Visitierung der Kranken aufzutreiben sein möchten. Darauf seien zum Vorschlag kommen ein getaufter Jud, wohnhaft in der Wassergassen. Item ein anderer beim Kaliwoda oberhalb des Neustädter Seminarii. Sodann die Badergesellen bei der Wittib an der Brucken und beim Franz Wittigschlager, wie auch Wenzel König im fiskalischen Haus". Am gleichen Tage wird im Kollegium über eine Beschwerde des Primators der Judengemeinde verhandelt, derzufolge die jüdischen Wundärzte den Pestkranken angeblich Heilmittel verabreichen, die eher schädlich als nützlich seien. Die Fakultät beschließt, die Vorlegung der Medizinen zu verlangen, was sie in einem Schreiben den Judenältesten bekanntgibt.293 In einer Sitzung vom 20. Juni 1714, da „das Kontagionsübel bereits völlig aufgehöret hat", muß sich die Fakultät von dem Vorwurf reinigen, den Doktoren der Medizin verboten zu haben, sich in die Judenstadt zu begeben und jüdische Patienten zu behandeln.294 Von der Verteidigung geht sie zum Angriff über, indem sie in ihrer Eingabe an die Statthalterei die gesundheitsgefährlichen Verhältnisse im Ghetto und das unhygienische Verhalten der Juden in grellen Farben schildert, namentlich die jüdischen Apotheker für völlig unerfahrene und unfähige Leute erklärt, die an diesen Verhältnissen mit schuldig seien.294 Bemerkenswerterweise wird ein solcher Vorwurf gegen den jüdischen Gemeindearzt nicht erhoben. Gewiß mögen manche der gerügten Mißstände an den traurigen hygienischen Verhältnissen in der Prager Judenstadt mit schuld gewesen sein. Aber die wahre Ursache lag tiefer. Um wirklich Abhilfe zu schaffen 44