Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 6 (1934)
- Date
- 1934-01-01
- Page
- – (sequence 39)
- Language
- German
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Aber bei vorsichtiger Abwägung wird man wohl etwa Folgendes feststellen dürfen. Es wurde bereits darauf hingewiesen, daß das jüdische Leben in den Mauern der Saalestadt auf die auswärtigen Juden, die sich nach einem Studienort für ihre medizinische Ausbildung umsahen, anziehend wirkte.236 Man möchte vermuten, daß die Verhältnisse in Frankfurt an der Oder nicht ungünstiger lagen. Die Judengemeinde, die um 1700 an Zahl der Familien und Mitglieder der hallischen ungefähr gleichkam, hat diese in der Mitte des 18. Jahrhunderts weit überflügelt.237 Die bekannte hebräische Druckerei beeinflußte zweifellos in Frankfurt das geistige Leben der Juden. Der religiöse und allgemeine geistige Zustand der jüdischen Gemeinde zu Halle, der vielleicht zugunsten Halles den Ausschlag gegeben haben könnte, wenn es sich um die Konkurrenz einer anderen deutschen Universitätsstadt handelte, konnte gegenüber Frankfurt wohl schwerlich ins Gewicht fallen. Ob und inwieweit dagegen der im Verhältnis zu Prag günstigeren geographischen Lage Halles und der Vertrautheit des Weges über die Messestadt Leipzig, welche von Prager Juden in erheblicher Anzahl, darunter von Familienmitgliedern der hallenser Studenten, besucht zu werden pflegte,238 eine maßgebende Rolle zukommt , wage ich nicht zu entscheiden. Die Quellen gewähren nicht die Möglichkeit, darüber mit Bestimmtheit Schlüsse zu ziehen. Die Universität Frankfurt, der stets im Verhältnis zu Polen besondere Aufgaben zufielen, zog schon wegen der räumlichen Nähe vorwiegend Juden aus Polen, denen ja die Universität Krakau verschlossen war, zum Studium an .239 Für die Wahl Halles als Studienort der Prager Juden dürften in erster Linie wahrscheinlich immer noch das Ansehen der dortigen medizinischen Fakultät,240 die recht lange von Friedrich Hoffmanns Ruhme gezehrt hat, und die für die Juden günstigen Promotionsbedingungen,241 zumal nach ihrer durch Abraham Kisch erreichten Verbesserung,242 sodann die durch ihn geschaffene Tradition maßgebend gewesen sein. Indes sind die Universitäten Halle und Frankfurt an der Oder zwar von den jüdischen Studenten aus Prag und Böhmen im achtzehnten Jahrhundert bevorzugt worden, jedoch galt ihnen nicht ausschließlich der Zuzug aus der Prager Judengemeinde. Abraham Kisch hat sich zweieinhalb Jahre in Berlin medizinisch ausgebildet,243 wo damals freilich eine Universität noch nicht existierte, wo aber in der mit dem Collegium medico-chirurgicum verbundenen „Anatomie" eine hochbedeutende Anstalt bestand, welche die Grenzen einer medizinischen Fakultät längst überschritten und sich zu einer Schule der gesamten Naturwissenschaft erweitert hatte 244 Aus dem Lebenslauf David Kischs war zu ersehen, daß er außer in Halle noch in Groningen und Göttingen studiert hat. Die Vermutung und Hoffnung, auch an anderen deutschen und ausländi- 34