Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 6 (1934)
- Date
- 1934-01-01
- Page
- – (sequence 28)
- Language
- German
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Gemeinde bis zum Anfang des achtzehnten Jahrhunderts bei der Vergebung der Gemeindearztstelle ausländische Bewerber den eigenen Landeskindern vorzog. Die Fäden zwischen ihr und Padua scheinen demnach doch sehr schwach gewesen zu sein, wenn man damit etwa die mindestens ungefähr 50 betragende Zahl jüdischer Studenten vergleicht, die aus Polen nach der italienischen Universitätsstadt gezogen sind, um dort den medizinischen Doktorhut zu erwerben.142 Die Erklärung dafür liegt auf der Hand. Aufenthalt, Studium und Erlangung der medizinischen Grade in Padua sind wie das Medizinstudium überhaupt sehr kostspielig gewesen.143 Von den Wenigen, die zu solchem Aufwand imstande waren, werden manche noch durch die lange Dauer, Beschwerlichkeit und Gefährlichkeit der Reise abgeschreckt und zurückgehalten worden sein. Zu all dem war auf dem Wege auch die Möglichkeit der Erfüllung der religionsgesetzlichen Verpflichtungen, die jedem Juden sehr am Herzen lag, durchaus nicht sichergestellt. So wird von dem Doktor der Medizin Aron Gordon aus Wilna, der in Padua studiert hat, später Leibarzt des Königs von Polen war und in Wilna 1717 gestorben ist, eine geradezu romantische Geschichte berichtet. Auf der Heimreise, die er zur See zurücklegen wollte, habe er an der spanischen Küste wenige Tage vor dem Passahfeste Schiffbruch erlitten. Nur durch seine List und einen glücklichen Zufall, indem er nämlich auf dem Gemüsemarkt einer spanischen Stadt einen Marranen auskundschaftete, der Bitterkraut für den Sederabend einkaufte, sei es ihm gelungen, im Hause dieses reichen Gastgebers das Fest der ungesäuerten Brote der Vorschrift gemäß feiern zu können.144 Ob die Erzählung den Tatsachen entsprechen oder bloß auf dichterischer Erfindung beruhen mag, in jedem Falle enthält sie als wahren Kern den Hinweis auf die leiblichen und seelischen Gefahren, denen ein jüdischer Studiosus der Medizin auf den Reisen nach und von Padua im siebzehnten Jahrhundert ausgesetzt war. Aber selbst wenn er alle Mühen und Fährlichkeiten glücklich überwand und an Kenntnissen bereichert, mit der Magister- oder Doktorwürde geschmückt heimkehrte oder außerhalb seiner Heimat ein Betätigungsfeld fand, brachten es doch Haß und Mißgunst, die sich allenthalben gegen den Juden richteten, nicht selten zuwege, daß der jüdische Arzt nun erst recht einen neuen Kampf um seine Existenz zu beginnen hatte.145 Die medizinischen Fakultäten ließen es an Gehässigkeit gegen die außer der Zunft stehenden Praktiker nicht fehlen, zum Beispiel untersagten die Statuten der Fakultäten von Köln und Ingolstadt ausdrücklich jede Gemeinschaft mit jüdischenÄrzten.146 Da italienische Universitäten fast als einzige für Juden den ordnungsmäßigen Studiengang und die Erlangung akademischer Grade ermöglichten, - die übrigen Hochschulen hatten den jüdischen Jüngern der Wissenschaft seit dem späteren Mittelalter immer mehr 23