Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 6 (1934)
- Date
- 1934-01-01
- Page
- – (sequence 25)
- Language
- German
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Zeit, in welcher die praktische Ausbildung am Krankenbette nicht einmal zum Lehrplan der medizinischen Fakultäten gehörte, gewiß nicht zu unterschätzen. Ja ein Vater, selbst Arzt, ließ seine Tochter - sie heiratete wiederum einen Arzt - als Hebamme ausbilden.112 Dazu ist zu bemerken, daß die Hebammen früherer Zeiten geradezu als Ärztinnen angesprochen werden können, weil in ihren Händen die Geburtshilfe ausschließlich lag. Denn das Vorurteil verwehrte den männlichen Ärzten aus Gründen des Anstandes die unmittelbare Berührung der Frauen, deren Abneigung gegen männliche Heilpersonen die Zuziehung ebenfalls verhinderte.118 In der Prager Judenkonskription vom Jahre 1729 begegnet sogar eine jüdische Ärztin, die „Doctorin" Solda, deren Vater „Löbl Barbierer" bezeichnenderweise ebenfalls einem medizinischen Berufe angehörte.114 Aber jüdischem Wissensdrang und Bildungseifer genügte bald diese patriarchalische Art des Erwerbs medizinischer Kenntnisse nicht mehr. Schon an dem Ruhme der ältesten ärztlichen Schule des Abendlandes, der Medizinschule von Salerno, welche, wohl bereits im neunten Jahrhundert gegründet, als Bindeglied zwischen der antiken und der Medizin des Abendlandes von besonderer Wichtigkeit ist und Jahrhunderte lang als Lehr- und Heilstätte hohes Ansehen in ganz Europa genoß, haben Juden Anteil gehabt.115 Tradition und nicht wenige Umstände sprechen dafür, daß bei ihrer Gründung,115 und später ebenso bei der Entstehung der jüngeren medizinischen „Universität" in Montpellier,116 arabischjüdische Einflüsse eine bedeutende Rolle spielten. Nicht bloß lernend, sondern auch lehrend durften Juden hier auftreten.117 Sogar der Plan einer eigenen jüdischen Universität, an der die Pflege der profanen mit der jüdischen Wissenschaft verbunden werden sollte, konnte in Italien auftauchen ,118 Prager Juden scheinen jedoch ihren gelehrten Glaubensgenossen in Salerno und Montpellier unmittelbar medizinische Kenntnisse nicht zu verdanken. Jüdische Verbindungen solcher Art, die von Prag nach jenen Städten gegangen wären, sind nicht zu entdecken, obwohl äußerliche und innerliche Beziehungen das nichtjüdische medizinische Prag mit jener jüngeren Schule der Medizin an der Küste des Mittelmeeres verknüpften.119 Dadurch wird von neuem bestätigt, daß wissenschaftliche Fühlung zwischen der Prager Universität und der Prager Judenstadt damals nicht bestand. Die größte Bedeutung für die Ausbildung jüdischer Ärzte beinahe aus allen europäischen Ländern gewann die im Jahre 1222 gegründete Universität zu Padua,120 welche frühzeitig ihre Pforten allen Nationen und Konfessionen öffnete121 und - wenn auch in späteren Jahrhunderten zeitweilig nicht ohne Beschränkungen - offen hielt. Sie erteilte in der Zeit von 1517 bis 1619 etwa 80 Juden aus verschiedenen Ländern das 20