Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 6 (1934)
- Date
- 1934-01-01
- Page
- – (sequence 24)
- Language
- German
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liehen Erfahrungen für seine erfolgreiche Ausübung sammeln, wenn das auf der Prager Universität nicht möglich war? Um diese Frage nicht nur richtig, sondern auch vollständig zu beantworten, muß man sich zunächst vor Augen halten, daß die Heilkunde in Mitteleuropa und besonders in Deutschland während des ganzen Mittelalters und noch lange darüber hinaus praktisch überhaupt kaum wissenschaftlich betrieben worden ist. Die ärztliche Praxis lag fast ausschließlich in der Hand bloß unvollkommen, handwerksmäßig ausgebildeter Heilpersonen oder gar gewissenloser Abenteurer, von Ort zu Ort ziehender Pfuscher.108 „Bader, Quacksalber und alte Weiber pfuschten den Ärzten ins Handwerk, und Marktschreier priesen mit einem Apparat von allen möglichen Dingen ihre Kunst an".109 Sah es damals allgemein mit der Heilkunde so aus, wie sollte es besser um die medizinischen Kenntnisse der meisten jüdischen Ärzte bestellt gewesen sein, denen nicht einmal die bescheidene Ausbildungsmöglichkeit auf den medizinischen Lehranstalten des Inlandes offenstand, und die außerdem allenthalben allen denkbaren Bedrückungen und Verfolgungen ausgesetzt waren? Ihre christlichen Kollegen konnten ihre Vorbilder nicht sein; denn die Juden waren immer lerneifrig und bemüht, außer jüdische Werke ins Hebräische zu übertragen, es gibt aber nur „äußerst wenige deutsche Autoren, deren Schriften ins Hebräische übersetzt sind".109 Im Hinblick auf den allgemeinen Tiefstand der Heilkunde konnte es den Juden, denen doch vielleicht einzelne medizinische Werke ihrer spanischen und italienischen Glaubensgenossen zugänglich waren, die überdies in der Jugend viel reisten und Erfahrungen zu sammeln Gelegenheit hatten, nicht schwer werden, als Ärzte Geltung zu gewinnen.109 Aber auch ihre medizinischen Kenntnisse dürften nicht auf tieferen Studien beruht haben, sondern werden der Erfahrung abgelauscht gewesen sein, da man sonst wissenschaftliche Aufzeichnungen von ihnen hätte, was nicht der Fall ist.109 Diese treffenden Beobachtungen gelten auch für die böhmischen Zustände und die Judenärzte in Prag. Was lag näher, als daß der ärztliche Vater den Sohn in den Anfangsgründen der Heilkunde unterwies, ihm die eigenen Kenntnisse und Erfahrungen bei seiner Praxis vermittelte und so auf ihn einen reichen Schatz vererbte, der sonst mit jenem ins Grab gesunken wäre. Entspricht das nicht durchaus jüdischer Sinnes¬ und Denkungsart? Die Grabsteininschriften geben unzweifelhaft Zeugnis davon. Sie und andere schriftliche Quellen berichten nicht selten, daß der Sohn dem Vater im ärztlichen Beruf folgte,110 wodurch geradezu Ärztedynastien, wie man sie genannt hat, entstanden, auf die bereits hingewiesen wurde ,111 Übrigens ist auch die pädagogische Wirkung und medizinische Bedeutung dieser Methode ärztlicher Unterweisung für eine 19