Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 6 (1934)
- Date
- 1934-01-01
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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bagten. Es ist unmöglich, selbst nur die bedeutenderen jüdischen Ärzteram en zu erwähnen. Ihre Zahl ist nahezu Legion. Die Liste aller bisher gekannt gewordenen jüdischen Ärzte, die ungefähr in das erste Drittel nes neunzehnten Jahrhunderts reicht, umfaßt etwa 4000 Namen.72 Ein droßer Teil von ihnen ist an den Höfen der Kaiser, Könige, Päpste, weltlichen und geistlichen Fürsten und Großen tätig gewesen. In früheren Jahrhunderten hat sich aber das Vorurteil christlicher Kreise vielfach wie gegen die Juden überhaupt, so insbesondere gegen die Judenärzte gewendet. Kirchenkonzilien und Päpste haben den Christen die Verwendung jüdischer Ärzte und ihrer Medikamente verboten,73 und bloß im Notfall durfte man sich ihrer bedienen. Freilich hat es an erleuchteten Herrschern und Kirchenfürsten nicht gefehlt, welche die Judenärzte nicht nur begünstigten, sondern ihnen im Interesse der leidenden Menschheit auch die Behandlung christlicher Kranken freigegeben haben.74 Aber sogar im Zeitalter der Reformation ist in der feindseligen Grundeinstellung, auf deren Ursachen hier nicht einzugehen ist, eine Änderung nicht eingetreten. Bekannt ist die Äußerung Martin Luthers: „Die Jüden, so sich für Ärzte ausgeben, bringen die Christen, welche ihre Arznei brauchen, um Leib und Gut, denn sie meinen, sie tun Gott einen Dienst, wenn sie die Christen nur weidlich plagen und heimlich umbringen" 75 Noch um 1700 haben die theologischen Fakultäten der Universitäten Rostock und Wittenberg in Gutachten den Standpunkt vertreten, daß es sündhaft sei, zum christlichen Kranken einen jüdischen Arzt zu rufen.75 So lehrte die Theorie, doch in der Wirklichkeit sah es anders aus. Infolge ihrer Kenntnisse und durch ihre Gewissenhaftigkeit und Uneigennützigkeit haben sich die Judenärzte immer und überall durchgesetzt und unentbehrlich gemacht. Sie wurden allen Anfeindungen76 zum Trotz teils geduldet, teils sogar gefördert. Ja zum Teil sind sie zuerst von der demütigenden Pflicht zum Tragen von Judenkleidung und Judenabzeichen befreit worden,77 ihnen wurde bisweilen mit Rücksicht auf die Ausübung des Berufs im Interesse der Allgemeinheit gestattet, ihren Wohnsitz außerhalb der Mauern der Judenstadt aufzuschlagen,78 und sie waren die ersten, die mit nichtjüdischer Geisteskultur und christlicher Wissenschaft in engere Beziehungen getreten sind. Diesem allgemeinen Verlauf der geschichtlichen Entwicklung gliedert sich der Gang der Geschichte in Prag gleichartig ein. Auch hier sind während der vielen Jahrhunderte, seitdem sich die Juden in Böhmen angesiedelt und daselbst Heimatrecht gefunden haben, jüdische Ärzte in großer Zahl tätig gewesen. Es wäre eine dankbare Aufgabe, ihre Namen und Lebensschicksale, soweit sie sich noch ermitteln lassen, zusammenzustellen und die Nachrichten über ihr ärztliches Wirken hinzuzufügen, was zweifellos ein kulturgeschichtlich ebenso wertvolles wie soziologisch 14