Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 6 (1934)
- Date
- 1934-01-01
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2644300-2644315--2417-2646763- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nachrichten über sie aus jenem Zeitraum überliefert sind. Sie dürften durch die räumliche Nähe des Karlskollegiums zu der jüdischen Siedlung veranlaßt sein. Bei den obligatorisch von der Universität gepflegten öffentlichen Aufführungen, Deklamationen und Theatervorstellungen, bildete infolgedessen der Jude eine beliebte Figur.55 Man veranstaltete Disputationen zwischen Heiden, Juden und Christen über die Frage der Gegenwärtigkeit Christi in der Hostie ,55 Man ließ Juden mit anderen Gestalten, z. B. Heiden oder Soldaten bei Würfelspiel und Händeln in Schaustellungen auftreten,56 was gewiß der Belustigung des Publikums, kaum aber der Hebung der Achtung vor dem jüdischen Mitmenschen gedient haben dürfte. Übrigens scheint die Geringschätzung und Verspottung der Juden im Mittelalter eine internationale studentische Sitte und Tradition gebildet zu haben, die sich ebenso an anderen deutschen Universitäten und in Italien nachweisen läßt .57 In Prag hat sie sich bis ins achtzehnte Jahrhundert erhalten. Namentlich bildete jede behördliche Erneuerung und Abänderung der vorgeschriebenen Judentracht oder des Judenabzeichens für die Studenten einen willkommenen Anlaß, die Juden zu belästigen und zu verspotten ,58 Ob der in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts dem akademischen Senate der Prager Universität von der vorgesetzten Staatsbehörde erteilte Auftrag, den Studenten ernstlich einzuschärfen, die Juden „bei sogestaltiger Abänderung der Tracht" ungekränkt zu lassen, von Erfolg begleitet war, wird nicht berichtet. Als im Anfang des Dreißigjährigen Krieges die Prager Universität über die Ausführung des Landtagsbeschlusses betreffs des militärischen Aufgebotes Beratungen abhielt, wurde beschlossen, die jüdische Bevölkerung mit 800 Mann zum Feuerlöschdienst heranzuziehen.59 Während der Belagerung Prags durch die Schweden im Juli 1648 soll zwischen ihr und der die Altstadt verteidigenden Studentenkompagnie gutes Einvernehmen geherrscht haben. Waren doch durch die Angriffe auf das rechte Moldauufer die daselbst wohnenden Jesuiten und Juden zu Schicksalsgenossen geworden .60 Im Jahre 1644 wird dem Rektor der Ferdinandea, der geistlichen Fakultäten, anläßlich des Übergriffes eines Studenten gegen jüdische Einwohner aufgetragen, in einer Sonntagspredigt dahin zu wirken, daß solche Vorfälle sich nicht wieder ereigneten.60 Infolge des guten Verhältnisses zwischen Studenten und Juden während des siebzehnten Jahrhunderts scheinen sich sogar gegenseitige Geschäfts-und Handelsbeziehungen herausgebildet zu haben, die jedoch schon im Anfang des achtzehnten Jahrhunderts amtlich bekämpft werden. Im Zusammenhang damit machen sich Bestrebungen zur Einschränkung des jüdischen Tandelmarktes geltend .61 10