Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 6 (1934)
- Date
- 1934-01-01
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Talmud gewidmet waren, lange Zeit hindurch, bis tief ins achtzehnte Jahrhundert hinein, bei den führenden jüdischen Kreisen verpönt und galten als „unerlaubte" Bücher (sefer pasul).38 Wozu brauchte der Prager Ghettobewohner denn Werke nichtjüdischen Inhalts zu studieren? Sein ganzes Denken, Fühlen und Leben war einzig und allein vom jüdischen Religionsgesetze bestimmt, vom Judesein erfüllt. Hierin allein konnte er bei der grundsätzlich feindseligen Einstellung der christlichen Umwelt eine Zuflucht finden, durch die er sich wenigstens in geistiger Hinsicht mit Hilfe seiner Religion ein menschenwürdiges Dasein zu schaffen suchte.39 Freilich machte der allgemeine Haß und die Mißgunst gegen die Juden, die Verständnislosigkeit und Unduldsamkeit gegenüber allem Jüdischen auch an den Grenzen des Reiches des jüdischen Geistes nicht Halt -40 Zwischen dem mittelalterlichen jüdischen Geiste und dem Geiste der mittelalterlichen Universität klaffte der gleiche tiefe Abgrund, der die christliche Weltanschauung jener Zeit von dem Judentum trennte und gegen dieses eine immer feindseligere Einstellung gewinnen ließ. Deshalb kann es keine Beziehungen der Juden zur mittelalterlich-christlichen Universität geben, wiewohl auf beiden Seiten die Theologie die Form aller wissenschaftlichen Studien bildete; und namentlich seit dem Reformationszeitalter erweitert sich die Kluft zwischen der jüdischen und der christlichen Bildung immer mehr.41 Die Prager Juden haben ihre eigene blühende Talmudhochschule, zuweilen sogar mehrere Lehrhäuser, die als Pflanzstätten jüdischer Gelehrsamkeit hervorragendes Ansehen bei der ganzen Judenheit erlangen, wofür literarische Zeugnisse in Menge von der Zeit des dreizehnten bis in das neunzehnte Jahrhundert hinein Beweis erbringen Es wäre ein reizvolles und lohnendes Problem, ihre wissenschaftliche Bedeutung, ihren geistigen Einfluß, ihre erzieherische Wirkung im Geistesleben der abendländischen Juden zu untersuchen und darzustellen.43 Die Ergebnisse dürften zeigen, daß wohl schwerlich eine Anmaßung darin erblickt werden kann, wenn die Juden ihre hohe Geistesschule in berechtigtem Stolze einer Universität verglichen, sie als ihre Universität betrachteten und wahrscheinlich den Namen Universität für sie gebrauchten. Übrigens dürfte sich schwer ermitteln lassen, ob diese Bezeichnung zuerst von jüdischer oder von christlicher Seite der Prager Talmudschule beigelegt worden sein mag. Die zweite Möglichkeit ist durchaus nicht auszuschließen. Denn bekanntlich wurden im Mittelalter nichtjüdische Bezeichnungen auf jüdische Einrichtungen übertragen und Ausdrücke wie Judenbischof,43» Judenmeister und dergleichen gebildet.44 Sicher aber ist, daß sich mit der Vorstellung auch der Name einer jüdischen Universität in Prag schnell eingebürgert hat45 und bei Juden wie bei Christen, namentlich seit der Zeit, in der der Staat den jüdischen Angelegenheiten und inneren Ein- 7