Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 5 (1933)
- Date
- 1933-01-01
- Page
- – (sequence 395)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2644300-2644317--2363-2646708- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Landwirtschaft, beim Militär, in Kunst und Wissenschaft betätigten, und zwar ohne ein besonderes Gesuch. Anderweitig empfahl auch er die Wohnfreiheit, die Aufhebung der Judensteuer, das Erwerbsrecht aller Realitäten außer der tabularen und rustikalen und die Bewilligung christlicher Dienstboten und Hilfsarbeiter. Während die vorhergehenden Referenten die gestellte Frage mehr vom wirtschaftlichen und vom rechtlichen Standpunkte beurteilten, unterzog der Gubernialrat Väclavicek das Problem einer gründlichen Erörterung vom Standpunkte der jüdischen Religionsphilosophie. Er gelangte gleichfalls zur Überzeugung, die Leute seien noch nicht reif für die volle Staatsbürgerschaft. Daß sich die Juden trotz aller Verfolgungen als eigenes Volk unter allen andern Völkern behauptet hätten, erklärte der Votant durch ihr Festhalten an positiven religiösen Grundsätzen, namentlich ihr Festhalten an der Lehre, daß ihr Gott als ausschließlicher Judengott und geistliches und weltliches Oberhaupt der Juden nur die Juden liebe und alle übrigen Völker hasse; um ihrer Sünden willen habe er die Juden in alle Welt versprengt und sie der Willkür ihrer Feinde ausgeliefert, aber es werde der Messias kommen, der seine getreuen Juden nach Palästina zurückführen werde, um dort das alte Gottesreich zu erneuern. Aus dieser Lehre erklärte Väclavicek den ganzen Charakter der Juden und die Einstellung der christlichen Bevölkerung ihnen gegenüber. Der gläubige Jude fühle sich daher niemals in seinem Wirtslande heimisch, er anerkenne dessen Herrscher nicht als seinen rechtmäßigen Oberherrn - und daher mache die öffentliche Meinung größtenteils Front gegen die Juden. Es gebe zwar auch unter den Juden einzelne, die sich durch Bildung von dem Aberglauben des Talmud freigemacht und erkannt hätten, daß die jüdischen Ritualgesetze gerade noch für die arabische Wüste und die Verhältnisse Ägyptens und Palästinas gut genug seien; - diese hätten sich mehr ihrer christlichen Umgebung angepaßt. Solcher Theismus und Rationalismus sei zwar bei Einzelpersonen nicht schädlich, aber der Votant betonte, vom staatlichen Gesichtspunkt könne man nicht wünschen, daß diese religiöse Halbheit zum Maßstab des religiösen Fortschrittes der ganzen Nation werde. Das Bemühen, vom Religiösen alles Positive abzustreifen, würde dann die Juden dem christlichen Staate ebenso gefährlich werden lassen, wie sie dies jetzt um ihrer religiösen Besonderheiten halber seien. Solle demnach eine innere und äußere Besserstellung der Judenschaft gelingen - wiewohl sich darum die Menschlichkeit, Klugheit und Gerechtigkeit zweier Jahrtausende vergebens bemüht habe - so sei nach Väclaviceks Meinung der einzige Weg dazu eine zweckmäßige Erziehung und ein positiver Religionsunterricht, gereinigt von dem Talmudschutt, die Hebung der Lehrerbildung und eine bessere Behandlung der Juden überhaupt. Indem Väclavicek dem Refe- 400 88