Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 5 (1933)
- Date
- 1933-01-01
- Page
- – (sequence 391)
- Language
- German
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jedoch nach Hartmanns Meinung keineswegs, da man die Landwirtschaft nur auf der eigenen Scholle mit Liebe treiben könne. Er beantragte daher, es solle den jüdischen Landwirten die Erwerbung ganzer Wirtschaften auch von christlichen Untertanen gestattet sein. Den bekannten Einwurf: die Gefahr des finanziellen Ruins der christlichen Untertanen durch den jüdischen Wucher, lehnte der Referent von vornherein mit dem Hinweis ab, das könnten die Juden bereits jetzt tun, - übrigens könne man die beantragte Bewilligung auf jene Wirtschaften einschränken, die von den Juden wirklich bewohnt und bearbeitet würden. Mochte sich also auch der Referent nicht ganz dem Antrag auf Verleihung der vollen Staatsbürgerschaft an die gesamte Judenschaft angeschlossen haben, so bedeutete sein von fortschrittlichem Geiste getragenes Gutachten doch einen großen Schritt nach vorwärts im Vergleich zum bisherigen Zustand. Man mußte jedoch auch die Meinung der übrigen Gubernialräte hören. Da es nicht anging, in der Sitzung, bei welcher Hartmanns Gutachten gelesen wurde, über eine so schwerwiegende und der Mehrzahl der Gubernialräte weniger vertraute Materie die Debatte zu eröffnen, so wurde die Form einer amtlichen Enquete gewählt: Hartmanns Referat samt den zugehörigen Vorakten, namentlich dem umfangreichen, 76 Bogen zählenden Gutachten v. J. 1826, wurde der Reihe nach allen Gubernialräten mit dem Ersuchen um eine schriftliche Äußerung zugestellt. Das umfangreiche Konvolut lehrt uns daher die verschiedenen Meinungen der Repräsentanten des böhmischen Guberniums über diese hochwichtige Frage kennen. Diese Enquete litt freilich von vornherein an dem Grundübel, daß sich die Räte in ihrer Anschauung zum Teil durch die Meinung des Referenten beeinflussen ließen, zum Teil durch die Reihenfolge, in welcher die Rolle dem einzelnen zukam; die beigeschlossenen vorhergehenden Vota gaben den weniger selbständigen und geistig bequemeren Räten den Ton an. Trotzdem aber geben diese Gutachten ein interessantes Bild von der Stimmung, welche damals im Kollegium des Böhmischen Guberniums bezüglich der Judenfrage herrschte. Aber schon das erste Enquetevotum zeigte, daß sich die Meinung der Gubernialmitglieder nicht ausnahmslos der Anschauung des Referenten anschloß. Der Hofrat Graf von Lützow legte eine entschiedene Abneigung gegen Hartmanns Gutachten an den Tag. Er behauptete, die Juden stünden größtenteils noch auf einer sehr tiefen Bildungsstufe, der Talmud mache aus ihnen Feinde des Christentums, Schacher und Handel bildeten ihre Hauptbeschäftigung und sie seien daher noch nicht reif für so durchgreifende Begünstigungen. Die Judenemanzipation würde angeblich auch sehr ungünstig auf die Stimmung der christlichen Bevölkerung rückwirken. Lützow befürchtete außerdem, die Juden würden dann ihren 396 84