Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 5 (1933)
- Date
- 1933-01-01
- Page
- – (sequence 374)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2644300-2644317--2342-2646687- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
eine völlige Emanzipation der Juden von den Christen abzielende Fortschritt der Zeit verlange. Die Befürchtungen wegen der Konkurrenz in Handel und Handwerk suchten die Votanten durch den Hinweis zu widerlegen, es handle sich hier ja nicht um den Betrieb des jüdischen Handels, sondern lediglich um das Wohnen; - übrigens versprachen sie sich vom jüdischen Wettbewerb Nutzen für das kaufende Publikum. In der richtigen Erkenntnis, daß den Gutachten der Prager Zünfte nicht irgendwelche höhere Rücksichten zugrunde lagen, sondern einzig und allein purer Egoismus, konnten sich die humaner denkenden Prager Magistratsräte nicht verhehlen, daß die wirkliche Besetzung des erweiterten Judenbezirkes mit Judenfamilien aus der Christenstadt ebenso wie schon wiederholt früher mit Schwierigkeiten verbunden sein werde. Ihr Minoritätsvotum schlössen sie mit dem Kompromißantrag, wenigstens den wohlhabenderen Juden den Aufenthalt in der Christenstadt zu gestatten. Dem Minoritätsvotum schloß sich auch der damalige Prager Bürgermeister Müller an. Er betonte gleichfalls, die Humanität fordere die Milderung der Gegensätze zwischen Juden und Christen, was nur durch eine gegenseitige Annäherung gelingen könne. Er hielt jedoch die damalige Zeit noch nicht für geeignet, um diesen Gedanken zu verwirklichen, namentlich um der drohenden gegenteiligen öffentlichen Meinung willen. Er begnügte sich darum gleichfalls mit dem Kompromißantrag, das Wohnen in der Christenstadt nur jüdischen Doktoren, den Mitgliedern der Judengemeinde, den Fabrikanten, Manufakturisten und solchen zu erlauben, die über fünfzig Gulden Erwerbsteuer zahlten. Der Magistrat fand für seinen Eifer, mit dem er die Enquete aller Prager Zünfte veranstaltet hatte, beim Gubernium keine Anerkennung. Denn diesem war die ziemlich überflüssige Aufrollung der Judenfrage vor der breitesten Prager Öffentlichkeit nicht genehm. Es erteilte darum dem Magistrate einen Verweis wegen dieser Überschreitung des erteilten Auftrages, mußte aber mit der Existenz der Gutachten der christlichen Handwerks- und Gewerbetreibenden rechnen, die doch die öffentliche Meinung der Mehrheit der Prager Bevölkerung darstellten. Dem Gubernialreferenten Fürsten Lobkowitz stand also für seine Äußerung reiches Material zur Verfügung, dessen Argumente er auch ausführlich wiedergab. Auch er hielt es nicht für vorteilhaft, den jüdischen Kaufleuten den Handel in der ganzen Christenstadt freizugeben, war aber nicht dagegen, den Juden die Wohnfreiheit in ganz Prag einzuräumen. Er versprach sich hievon eine Hebung der jüdischen Moral und eine Annäherung an die übrige Bevölkerung. Auf den guten Willen der Juden schloß Lobkowitz unter anderm aus der jüngst erfolgten Gründung des jüdischen Vereines zur Hebung von Landwirtschaft und Industrie, in den er große Hoffnungen setzte. Er verschloß die Augen keineswegs vor den Schwie- 67 379