Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 5 (1933)
- Date
- 1933-01-01
- Page
- – (sequence 372)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2644300-2644317--2340-2646685- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
die Prager Zünfteso würden die Juden alle Mietzinse überzahlen, in Bälde die allerbesten Plätze der ganzen Christenstadt besetzen, daraus die christlichen Handels- und Handwerksleute verdrängen und ihnen Käufer und Kunden abspenstig machen; ganz Prag werde so zu einer großen Judenstadt werden, wo die Christen den Juden Sklavendienste leisten würden. Soll das altehrwürdige Prag zu einem zweiten Jerusalem, zu einem jüdischen Mekka werden? fragten die Prager Gerber. Und in anderen Protesten wurden Vorschläge laut, die Juden sollten aus Böhmen in jene Länder übersiedeln, wo es noch keine gebe, nach Steiermark, Kärnten, Niederösterreich, Krain und Tirol. Überzeugt, daß die Juden niemals mit der übrigen Bevölkerung verschmelzen würden, drohten die Prager Handwerker mit Pogroms und in einem der Proteste erschien sogar die offene Drohung, die Juden würden vielleicht in einigen Jahren gezwungen sein, bei Nacht und Nebel aus der Christenheit zu flüchten. Bis auf ganz geringe Ausnahmen, in denen wir vermutlich Hausbesitzer mit jüdischen Mietern und hohen Mietzinsen zu erblicken haben, warfen die Angehörigen sämtlicher Prager Zünfte den Hausbesitzern eigennützige Voreingenommenheit in der Judenfrage vor, erhoben einmütigen Protest gegen die Lockerung der bisherigen Verbote und forderten auch für die Zukunft Einschränkung der Juden auf die Judenstadt und den erweiterten Judenbezirk. Es kann nicht überraschen, daß neuerdings der Vorschlag auf Verbauung des Judenfriedhofes auftaucht, verbunden mit dem Einfall, die alten jüdischen Grabmäler zur Ausbesserung der Moldauwehre zu verwenden . Vier Zünfte wollten die Zulänglichkeit der Judenstadt aus den Konskriptionsergebnissen vom Jahre 1843 erweisen, denen zufolge gerade die Judenstadt die kleinste Wohndichte je Haus aufwies, nämlich im Durchschnitt nur 2420/27 Einwohner, während z. B. in der Prager Neustadt auf ein Haus SS1^ Bewohner entfielen.38 In den Einwänden wurde auch geltend gemacht, daß auch die christliche Bevölkerung Prags sehr schlecht wohne, namentlich in den Armen vierteln bei St. Peter, im Bischofshofe, am Frantischek, Girchaf, am Podskal, Weyton u. a., wo gleichfalls einige Familien in einem einzigen Räume untergebracht seien, und zwar biswei- Iein in einem solchen, daß man ihn auch für das Vieh als schlecht bezeichnen müsse. Die Fürsprecher für die Wohnfreiheit der Juden-so argumentierten einige Zünfte - seien entweder wohlhabende Bürger, die sich durch unverstandene Philanthropie einen Anstrich von Aufklärung geben wollten,-diese sollten den Juden gegenüber lieber praktische Philanthropie auf eigene Rechnung treiben, oder es seien Hausbesitzer, die von ihren jüdischen Mietern hohe Zinse bezögen; oder schließlich seien es solche, die den Juden auf irgendwelche Weise verbunden und daher gezwungen seien, für sie einzustehen und Unterschriften auf Petitionen zu ihren Gunsten zu sammeln. 65 377