Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 5 (1933)
- Date
- 1933-01-01
- Page
- – (sequence 371)
- Language
- German
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dem Vorgehen der Behörden gegen die Judenschaft zu äußern und das Prinzip der Gleichberechtigung auch gegenüber den verhaßten Juden hochzuhalten. So gab MUDr.Karl Preßl zu Protokoll, nirgends in Europa gebe es ein Judenghetto mehr, nicht einmal in Wien, nur im Orient und in Prag. Wenn sich in Prag türkische oder Negerfamilien oder sonstige Heiden niederlassen wollten - erklärte Preßl so würde man es ihnen ohne räumliche Beschränkung gestatten; die Juden aber müßten immer noch im verrufenen Ghetto wohnen, wiewohl das Zusammenleben mit der christlichen Bevölkerung eine wohltätige Wirkung auf sie hätte. Auch der Prager Universitätsrektor MUDr. Josef Reisich machte aus seiner Überzeugung kein Hehl, die Judenemanzipation sei ein Gebot der Humanität und christlichen Nächstenliebe. Solle etwa die religiöse Unverträglichkeit ein Verdienst sein — fügte Reisich ironisch bei so solle man nur mit den reichsten Juden anfangen, Baron Rothschild u. a. Die christlichen Handels- und Handwerksleute seien mit Recht vor der Konkurrenz der klügeren Juden auf der Hut, - aber im gegebenen Falle handle es sich nicht um Geschäfte und Läden, sondern um Wohnungen, die man den Juden ganz gut in der Christenstadt bewilligen könne. In ähnlichem Sinne äußerten sich auch JUDr. Neumann und JUDr. Pinkas. Die Erklärung der Prager Hausbesitzer zugunsten der jüdischen Wohnfreiheit, zunächst freilich aus persönlichen Nützlichkeitsrücksichten abgegeben, blieb aber in verschwindender Minderheit gegenüber der Flut entschieden ablehnender Gutachten, die beim Magistrat im März und April 1847 von allen Prager Zünften einliefen.37 In der Magistratskanzlei häuften sich damals scharfe Kundgebungen gegen die Juden von 59 Prager Zünften mit mehr denn 1800 eigenhändigen Unterschriften von Meistern, die gegen die Absicht protestierten, den Prager Juden Wohn- und Handelsfreiheit in der Christenstadt einzuräumen. Die in diesen vielfach scharf stilisierten Kundgebungen immer wiederkehrenden Motive waren durchwegs dem bekannten Arsenal der judenfeindlichen Argumente jener Zeit entnommen und unverkennbar von der Angst vor der gefährlichen jüdischen Konkurrenz diktiert. Judenwucher und -geldleihen, Verlockung zu Prunk, Verführung des Gesindes, der Frauen und Kinder zu Diebstahl und Betrug, Spekulationsgeist, Habsucht, Unreinlichkeit, Unverträglichkeit, Frechheit, Abneigung gegen körperliche Arbeit, Christenhaß, eigentümliche jüdische Bräuche, die das Zusammenleben mit der übrigen Bevölkerung angeblich unmöglich machen, Preisdrückerei und Waren Verschlechterung, der Glaube an die Macht des Geldes bei der Durchsetzung aller Forderungen, die häufigen Kriden, die Sonntagsarbeit - das waren die Hauptvorwürfe, die aus diesen Protesten immer wieder laut werden und vor weiteren Begünstigungen an die Juden Warnen. Falls man den Juden die verlangten Freiheiten bewillige-warnten 376 64