Mannheim
Compact Memory

Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik · 1933-01-01 · 5 (1933) · page 370

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
Volume
5 (1933)
Date
1933-01-01
Page
– (sequence 370)
Language
German
Belongs to
journal volume
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2644300-2644317--2338-2646683
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

erklärte die Judengemeinde, der Antrag auf neuerliche Erweiterung des Judenbezirkes sei nur ein Schritt zurück in die Barbarei des Mittelalters; damals war das ummauerte Ghetto für die Juden eine Wohltat. Wenn man aber noch im Jahre 1846 jeden, der einen Juden zur Miete nähme, mit Strafe bedrohe, so sei dies geeignet, die Öffentlichkeit zu demoralisieren; die Wirkungen begännen sich tatsächlich bereits in der Öffentlichkeit zu zeigen durch judenfeindliche Agitation, die vom Geiste des Judenpatentes vom Jahre 1797 himmelweit entfernt sei! Vom polizeilichen Standpunkt machten die Judenältesten auf die Gefahr neuer Ausschreitungen gegen die Juden aufmerksam, falls die Mietzinse steigen sollten; sie hielten auch nicht mit dem Bedenken zurück, daß die christlichen Besitzer jener Häuser, die durch die Einbeziehung zum erweiterten Bezirke Bestandteil des berüchtigten Ghettos würden, ihren Glaubensgenossen zur Zielscheibe des Spottes dienen müßten, während die Hausherren in den übrigen Teilen der Christenstadt die guten jüdischen Mieter einbüßen würden; aus diesen Gründen ersuchten sie um Zurückziehung der Magistratskundmachung. Bevor jedoch der Prager Magistrat dazu kam, über den Rekurs der Judengemeinde ein Gutachten auszuarbeiten, geschah ein Schritt, der eine großangelegte Aktion der Prager christlichen Handwerker und Handelsleute gegen die Judenschaft auslöste. Etwa hundert Prager Bürger und Hausherren reichten nämlich damals beim Kaiser eine Bittschrift ein, um die Erweiterung des Judenbezirkes rückgängig zu machen und den Juden auch das fernere Wohnen in der Christenstadt zu ermöglichen. Dem Magistrat wurde vom Gubernium aufgetragen, festzustellen, ob alle Unterschriften der Supplik echt und ob die Unterzeichneten wirklich mit dem Gesuchsinhalte einverstanden seien. Da entschloß sich der Magistrat zu einer Enquete der gesamten Prager Handwerks- und Handelswelt in der Frage, ob man den Juden den Aufenthalt in der Christenstadt gestatten solle. Während also alle Prager Zünfte über die Beantwortung ratschlagten, um ihre Anschauungen in der Judenfrage zu äußern, verhörte der Magistrat alle, die ihre Unterschrift auf die Supplik zugunsten der Judenemanzipation gesetzt hatten. Die Mehrzahl der Unterzeichneten bekannten sich zu ihrer Unterschrift; nur einige Furchtsamere erklärten, vom wirklichen Inhalte des unterzeichneten Gesuches keine Kenntnis gehabt zu haben und nicht damit einverstanden zu sein. Viele Hausbesitzer bekannten aufrichtig, es sei ihnen bloß darum zu tun, ihre bisherigen jüdischen Mieter zu erhalten, mit denen sie völlig zufrieden seien und die ihnen höhere Mietzinse zahlten, als sie von den christlichen Mietern erzielen könnten; das Religionsbekenntnis ihrer Mieter sei ihnen ganz gleichgültig, wenn sie nur richtig zahlten. Nur einzelne Angehörige der Prager Intelligenz hatten den Mut, offen ihre grundsätzliche Unzufriedenheit mit 63 375

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.