Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 5 (1933)
- Date
- 1933-01-01
- Page
- – (sequence 338)
- Language
- German
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denfamilien aus der Christenstadt auszuquartieren und sie eventuell nur in den erweiterten Judenbezirk zu überführen, gründlich mißlang. Kaum hatten die Prager Juden von der Ablehnung ihres Gesuches erfahren, so war die Judengemeinde rasch mit einem neuen Gesuche zur Stelle. Sie appellierte diesmal an das Gemüt des Oberstburggrafen Wallis, wiederholte ihre früheren Argumente von der Übervölkerung und den sanitären Gebrechen der Judenstadt, suchte zu beweisen, daß im Falle der Übersiedlung 150 Judenfamilien obdachlos bleiben müßten, und wollte Mitleid erwecken, namentlich durch das Beispiel jenes Juden, der in der Judenstadt nach vergeblicher Wohnungssuche wahnsinnig geworden und gestorben sei und eine schwangere Frau mit zwei kleinen Kindern hinterlassen habe. Das Gubernium war nun in seinem Vorgehen wankend gemacht. Es verwies zwar die jüdischen Petenten auf seine jüngste ablehnende Entscheidung, legte aber gleichzeitig dem Magistrate auf, mit Strafen bis zur Allerhöchsten Entscheidimg zuzuwarten. Zugleich ordnete es die Bestellung einer Kommission an, die nach dem Wunsche der Judengemeinde genau die wirkliche Lage in der Judenstadt festzustellen hatte; dadurch sollte die Grundlage für das weitere Vorgehen geschaffen werden. Diesen Verzug machten sich sofort die christlichen Hausbesitzer und ihre jüdischen Mieter zunutze. Sie leiteten eine neue Aktion ein, um die Juden in ihren Häusern behalten zu dürfen, da diese, wie erwähnt, unverhältnismäßig höhere Mietzinse zahlten als damals in den übrigen Häusern gezahlt wurden. Anfangs März 1806 reichten sie eine neue Supplik ein, diesmal unmittelbar beim Kaiser;9 sie ersuchten um die Zurückziehung des jüngsten Erlasses, durch den die Übersiedlung von etwa 180 bis 200 Judenfamilien in die Judenstadt und in den Bereich des erweiterten Judenbezirkes durchgeführt werden sollte. Sie verwiesen hiebei auf das Steigen der jüdischen Bevölkerung, die namentlich seit 1799 angewachsen sei, seitdem in Prag 300 zweitgeborenen Söhnen die Eheschließung gestattet worden war, damit der systemisierte Stand von 8600 Judenfamilien in Böhmen aufgefüllt werde. Die in unmittelbarer Nachbarschaft der Judenstadt stehenden Häuser der Bittsteller hatten keine übermäßig vorteilhafte Lage, und es bestand tatsächlich die Gefahr, sie würden nach dem Abzüge der jüdischen Mieter leerbleiben. Und eine Woche nach den Christen brachte beim Kaiser auch die jüdische Gemeinde eine ähnliche Petition ein. Sie argumentierte wiederum mit dem Raummangel in der Judenstadt, mit der Feuers- und Epidemiengefahr im überfüllten Ghetto und wies darauf hin, das Motiv des Schutzes vor dem fanatisierten Mob, das in früheren Zeiten eine wichtige Rolle zugunsten einer Absperrung der Judenstadt gespielt hatte, habe unter den veränderten Verhältnissen seine Bedeutung eingebüßt, denn nun- 31 343