Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 5 (1933)
- Date
- 1933-01-01
- Page
- – (sequence 336)
- Language
- German
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sonders hervorgehoben, daß die Prager Juden klein, bleich, ungesund, augenkrank und infolgedessen militäruntauglich seien, wie die militärischen Musterungen auswiesen. Die Judengemeinde ersuchte daher, den Judenfamilien die Übersiedlung in die benachbarte Christenstadt zu gestatten. Die Erhebungen stellten daher ganz zweifellos fest, daß in der eigentlichen Judenstadt für jene Judenfamilien kein Platz mehr sei, die damals vielfach ohne Erlaubnis in der Christenstadt wohnten, vor allem in der Karpfengasse und der Geistgasse in jenem Bezirk, den man „unter der Schnur" (nach 1811: „unter der alten Schnur") nannte.6 Dieser Rayon gehörte zwar nicht zur Judenstadt, war aber von der übrigen Christenstadt durch einen gespannten Draht abgeteilt, zum Zeichen, wie weit es den Juden aus religiösen Gründen gestattet sei, am Sabbat das Ghetto zu verlassen. Das Gubernium mußte also schlechterdings die Juden in diesem Bezirk auch weiterhin wohnen lassen. Nur für diesen Bezirk sollte künftighin der Magistrat den Juden Wohnkonsense erteilen. Das Gubernium hatte zwar die Erweiterung der Judenstadt bis hart an die Moldau ins Auge gefaßt, ließ aber diesen Plan später fallen, hauptsächlich deshalb, weil hier Fischer und Schiffer wohnten, die durch ihre Beschäftigung auf die Flußnähe angewiesen waren. Außerdem hätte der sandige Untergrund dieses Ufergeländes, das sich größtenteils in Privatbesitz befand, notwendigerweise kostspielige Pilotenbauten erfordert, wie sie für die größtenteils armen Judenfamilien unerschwinglich gewesen wären. Der Magistrat hatte beantragt, den Judenfriedhof zu kassieren und den so gewonnenen Raum zum Baue neuer Ghettohäuser zu verwenden, aber das Gubernium wagte es nicht, diesen Antrag zu genehmigen, denn es befürchtete, daß die Judenschaft aus religiösen Gründen heftigen Widerstand leisten werde. Das Gubernium begnügte sich daher damit, den Magistrat lediglich aufzufordern, daß er jüdische Interessenten zum Hausbau in jenem Teile des Friedhofes aufmuntere, der noch nicht als Begräbnisstätte gedient hatte und von dem Vorstand der jüdischen Beerdigungsbrüderschaft zu diesem Zwecke unentgeltlich angeboten worden war. Die Zukunft zeigte jedoch, daß dieser Plan hoffnungslos war. Denn trotz wiederholter Aufforderung meldete sich kein Jude, der es gewagt hätte, die althergebrachte religiöse Tradition zu verletzen. Die Erweiterung der Judenstadt um den Bezirk „unter der Schnur" sollte also bis Lichtmeß 1806 die Umquartierung aller Juden ermöglichen, die - etwa 170 bis 180 Familien stark - anderswo in der Christenstadt wohnten. Der königliche Fiskus schritt nämlich damals zu Beginn des Monats September 1805 beim Gubernium mit dem Ersuchen ein, so rasch als möglich die in den Pfarrsprengeln beim Hl. Geist, bei St. Franziskus und bei Maria in der Wiege ansässigen Juden auszuquartieren; 29 341