Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 5 (1933)
- Date
- 1933-01-01
- Page
- – (sequence 257)
- Language
- German
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nach der Sitte oder Unsitte der Zeit vielfach nachgedruckt, u. a. auch in Wien. In acht Kapiteln sucht Wessely seine Glaubensgenossen vom Werte und der Bedeutung der sie umgebenden Kultur zu überzeugen, ihnen die Heilsamkeit der Reformen Josefs II. für ihre soziale Stellung, die Wichtigkeit der Kenntnis und des richtigen Gebrauches der deutschen Sprache darzulegen. Er verweist auf die Mendelssohnsche Bibelübersetzung, die nicht nur die Kenntnis des Deutschen fördere, sondern auch die Schönheit der hebräischen Sprache erkennen lasse. Dem bisherigen Unterrichtsgange der jüdischen Jugend stellte er einen neuen Lehrplan entgegen, der das eingehende und gründliche Studium des Talmuds einer höheren Unterrichtsstufe, den Auserwählten, die Rabbiner werden wollten, vorbehielt. Der Verfasser des »Lesebuches der Moral4 sollte besonders darauf Rücksicht nehmen, Religionshaß und Intoleranz im Herzen gegen fremde Religionsverwandte als die abscheulichsten Ungeheuer abzuschildern und ihre schädlichen Folgen in ihrem ganzen Umfange aufzuzeigen. Das Buch rief eine starke literarische Fehde hervor, an der sich dann infolge eines Sendschreibens Wesselys an die Triester reformfreundlichen Rabbinen (Chaw tamo lebeß Jisßroel) auch eine sehr lebhafte Diskussion der italienischen Rabbiner anschloß.61 Auf italienischem Boden entstand unmittelbar unter dem Eindrucke der Prager Erlässe - sie wurden in Nr. 47 und 48 von 1781 der Gazetta di Mantova wiedergegeben - eine Schrift, die nach mehr als einer Richtung hin beachtenswert ist. Vor allem durch die Persönlichkeit des Verfassers. Giovanni Battista Gherardo Reichsgraf von Arco62 genoß als von der physiokratischen Schule stark beeinflußter Nationalökonom großes Ansehen; er war ein Vertrauensmann Josefs II., der ihn zum Intendanten von Mantua machte. Seine Schrift „Über den Einfluß des Ghettos im Staate" zeigt, wie auch ein guter Teil der europäischen Aufklärung dem Judentume, der Judenheit gegenüberstand.63 Arco ist erfüllt von Vorurteilen gegen die Juden, seine Kenntnis jüdischen Wesens ist sehr mangelhaft; sie beruht in der Hauptsache auf einigen wenigen judenfeindlichen Schriften, die er als Quellen zitiert; von den besonderen Verhältnissen Böhmens ist er nur oberflächlich unterrichtet, insbesondere überschätzt er die Zahl der Juden in diesem Lande ganz gewaltig. - Sehr geneigt zu rednerischem Stile, sucht er doch, seiner Arbeit den Charakter einer wissenschaftlichen volkswirtschaftlichen Untersuchung zu wahren. Nachdem er den Einfluß der Juden auf die Wirtschaft der Seehandelsstaaten erörtert hat, geht er zu seinem Hauptgegenstande, ihrer Bedeutung, genauer: ihrer Schädlichkeit, für die Staaten über, deren wirtschaftliche Grundlage Ackerbau und Handwerk sind. Schon die Stellung der Grundfrage: „Wie kann der Fremde, der keine (Land-)Güter besitzt, keine Kunst, kein Handwerk treibt, doch gemächlich leben?" zeigt, daß er die Juden, wie er an anderer Stelle sagt, als Schmarotzerpflanzen ansieht. Er vergleicht sie dort mit dem Rost des Getreides. Am meisten hat er noch für den Klein- und Althandel der armen Juden übrig, der den bedürftigen Teil des Volkes mit Waren versorgt und die Geldaus- 262 32