Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 5 (1933)
- Date
- 1933-01-01
- Page
- – (sequence 239)
- Language
- German
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gegen die Juden Stellung. Die Zeit ist ja bekanntlich auch sonst reich an Schriften, die sich mit der Frage der religiösen Duldung im allgemeinen und mit der Judenfrage im besonderen beschäftigen. In Prag wurde der Streit durch eine Schrift: „Über die Juden und deren Duldung" eröffnet. Sie erschien, man möchte sagen selbstverständlich, anonym. Als ihr Verfasser ist der Literat Leopold August Hofmann ermittelt. Ihr Motto ist der bekannte Spruch aus dem Terenz: Homo sum, nihil humani a me alienum puto.31 In warmen Worten behandelt er die schweren Schicksale der Juden. Er preist die guten Regenten, die sich des verlassenen Volkes erbarmten: Maria Theresia, die es empfinden sollte, daß ein Regent der Vater und Beschützer aller jener sein soll, die ihm Gott in seine Staaten gesetzt hat, und welche nebst Treue und Gehorsam auch Ruhe und Friedfertigkeit beobachten. Das taten die Israeliten. Um Maria Theresia trauern die Juden. Joseph aber wird diese dulden als Mensch und Regent. Er wendet sich nun zu den Beschwerden wider die Juden. Die erste geht dahin: Die Juden sind die Pest des Landes, indem sie den beträchtlichsten Handel an sich ziehen und die besten Fabriken besitzen, wodurch der christliche Kaufmann unumgänglich seinem Ruin nahe kommen muß. Ohne sich auf die in diesem Vorwurfe liegende offenbare Übertreibung einzulassen, meint H., der Aufschwung des jüdischen Handels sei eben ein Verdienst der Juden. Die Bedingungen stünden für alle gleich, seien eher den Christen günstig. Nun meinen die Gegner: der Fleiß mache es nicht aus. Der Erfolg werde durch Betrug und Bestechungen erreicht, deren sich der Christ nicht bediene, besonders aber durch den Schmuggel. Hier wie in anderen Fällen wünschten Juden und Christen das gleiche. Der Jude, der die Gesetze verletzt, verdient Strafe; aber der Christ, der gern das gleiche täte, aber nur ungeschickter ist, soll nicht den Juden zum erklärten Betrüger verdammen. Verfälschte und zu teuere Waren verkaufen auch Christen; und schließlich müssen doch auch Christen beim Einkaufe bei den Juden ihren Vorteil finden; sonst würden sie nicht aus dem christlichen in den jüdischen Laden gehen. Der Ausschluß der Juden vom Handel überhaupt sei unmöglich. Sie hätten kein anderes Mittel, sich zu erhalten; übrigens gebe es nur wenige große Kaufleute; die meisten seien Kleinhändler, die sich mühsam durchbrächten. Wenn der Vorwurf, die Juden seien ein eigennütziges, niederträchtige Gesindel - von vielen wertvollen Ausnahmen abgesehen - begründet sei, so liege die Ursache in den Verhältnissen, die den Juden zwängen, das Geld zu seinem Götzen zu machen. Die Juden würden besser werden, wenn man ihnen bessere Verhältnisse gewähre. Den Vorschlag, die Juden ihres Vermögens zu berauben und mit etwas Reisegeld außer Landes zu schicken, bekämpft er mit Gründen des Naturrechts. Der Kampf gegen die wuchernden Juden sei berechtigt. Man solle sie nötigenfalls durch Zwang zu bessern suchen. „Und der Regent, der es durch weise Verordnungen dahinbrächte, um allen den Handelseifer der Juden als etwas Unschädliches und wirksame Triebfeder zur Glückseligkeit des Landes zu lenken, dieser hätte in meinem Herzen den Platz, den nur immer ein Apostel haben kann." Die Schlußfolgerung lautet: 1. Die Juden haben eben den Anspruch auf den Besitz der Erde und den Genuß der Naturgüter wie alle Christen. 2. Sie sind nicht geradezu und allgemein zu verachten und anzufeinden, ob schon der große Haufe durch seine anerkannte Niederträchtigkeit freilich auf keine Achtung Anspruch machen soll. Mit einem nochmaligen Hinweis auf die Verhältnisse, die den Juden eine andere Haltung unmöglich machen, mit einer Berufung an die Menschlichkeit schließt das Schriftchen. 244 14