Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 4 (1932)
- Date
- 1932-01-01
- Page
- – (sequence 82)
- Language
- German
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Der plastische Schmuck62 der Altneusynagoge wurde wahrscheinlich stark beschädigt und von Mocker renoviert; heute können wir eher von Kopien des ursprünglichen Dekors sprechen. Die Blätter sind entweder ergänzt oder nach alten Motiven neu modelliert. Nur in den vier Ecken unter dem Kordonsims blieben die ursprünglichen Konsolen erhalten — jedenfalls auch stark beschädigt (Abb. IX). Aber auch so können wir hier zwei um das Primat kämpfend« Strömungen unterscheiden. Der einige Schlußsteine, Kapitale und vor allem den Schmuck des Tympanons und Tabernakels schaffende Pteinmetz war schon ein vollständiger Gotiker. Er arbeitete mit sehr feinem Sinn für die Wirklichkeit und die Natur und schuf lebendige plastische, mit schlanken Stielen um den Konsolenkern sich windende Blattranken; wenn er einen Schlußstein oder Tympanon schmückte, detachierte er das Dekor so von der Grundfläche, daß sie nur die Grundlage der durchbrochenen neuen plastischen Fläche blieb und zum Unterschied von dem anderen Steinmetz, der im wahren Sinne des Wortes die Fläche mit Plastik bedeckt hat, nur sehr geringe Teile durchblicken ließ (Abb. III, IV, VIII, 6, 9). Das romanische Element hat er schon vergessen, er empfand schon rein gotisch. Neben ihm arbeitete in der Synagoge zweifellos ein schon erwähnter zweiter Steinmotz; sein Werk sind die Konsolen beider Mittelpfeiler und einige Konsolen der Dienste an der Süd- und Westwand der Synagoge (Abb. wie oben). Dieser zweite Steinmetz — wir wissen natürlich weder hier noch bei dem vorher erwähnten, ob es sich um einen handelte — hat den romanischen Schematismus nur schwer bekämpft; an einigen Stellen reiht er einfach unlebendige, flache, lange, ungegliederte Blätter um den Kern der Konsolen (Abb. 6) (z. B. der zweite Dienst vom Westen an der Südwand). Auf zwei anderen Kapitalen stellte er zwei Reihen ähnlicher Blätter übereinander (der Mitteldienst der Westwand), dann verband er die untere Reihe mit einem einzigen um das Kapital sich windenden Stengel, aus dem einzelne Blätter wachsen (der zweite Dienst der Südwand, Abb. 6). Endlich legte er etwas mehr gegliederte Blätter gegeneinander, so daß ihre Teile ineinanderfallen oder sich teilweise decken (so auf einigen Konsolen der Mittelpfeiler und auf einigen die fünfte Rippe tragenden Konsolen (Abb. 9). Nirgends scheidet er jedoch das Dekor von der durch den Kern der Konsole, des Kapitäls oder Schlußsteins gebildeten Grundfläche, nirgends sind seine Blätter lebendig, bewegt, sein Instrument kennt keine liefen. Ihm gegenüber sah der andere Steinmetz kein Schema, keine Typen, er sah wirkliche lebendige, wachsende, sich windende und bewegte Pflanzen, welche die Fläche der Schlußsteine und Tympanen schmücken, ohne Rücksicht darauf zu nehmen, ob der Kern als konstruktives Element sichtbar bleibt oder unter dem Dekor verschwindet. 23 85