Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 4 (1932)
- Date
- 1932-01-01
- Page
- – (sequence 81)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2644300-2644307--1540-2645884- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
tektonischen Details der Altneusynagoge gesehen haben, erkennen wir, daß ohne Ausnahme nur Bauten in Frage gekommen sind, die in die Zeit Wenzels I. und in den Anfang der Regierungszeit Pfemysl Ottokars II. fallen. Es ist kaum möglich, daß ein Bau, welcher konsequent alle Merkmale der Frühgotik verwendet, die spätestens in den sechziger Jahren des 13. Jahrhunderts vorkommen, um ein halbes Jahrhundert, nach manchen Kunsthistorikern sogar noch später erbaut wurde. Der ganze durch diese Bauglieder geschaffene Raum entspricht dieser Zeit: wir sehen tiberall ein Streben nach dem Überführen des Baues in ein konstruktives Skelett, überall das Streben, die bisher in der Materie latenten Kräfte zum Ausdruck zu bringen; aber überall hat dieses Bestreben mit der romanischen Tradition zu kämpfen, welche einen Raum bildet, in welchem die Materie nicht negiert, sondern der höheren organischen und rhythmischen Ordnung unterstellt war. Unsere Datierung bestärkt noch das Vorhaus der Altneusynagoge. Es handelt sich um einen langen, mit einer Spitzbogentonne eingewölbten Gang. Diese auf derben, aus fünf Seiten des Achtecks gebildeten Gurten (Abb. 7, II.) getragene Tonne ist kein richtiges gotisches Gewölbe, kein Kreuzrippengewölbe, wie es schon im 13. Jahrhundert bei bedeutenderen Bauten ausnahmsweise vorkommt. Wenn wir uns nicht am Bau selbst überzeugt hätten, daß das Vorhaus an die Synagoge angebaut ist, müßten wir für älter halten als die Synagoge selbst. Daß ein solcher Bau später als in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts nicht möglich war, ist nicht zu bezweifehi. Ein weiteres Datierungskriterium der Altneusynagoge bildet ihr plastisches Dekor. Das 13. Jahrhundert brachte ein Aufblühen der Plastik überhaupt. Der Plastiker, welcher bisher nur Typen und Symbole des Gesehenen in Form von Ornamenten schuf, hat angefangen den wirklichen Naturformen seine Aufmerksamkeit zu schenken, an ihnen Freude zu finden und sie so darzustellen, wie er sie gesehen hat. Daß diese Entwicklung von Frankreich über Deutschland nach Böhmen ging, ist für die damalige böhmische Kunst nur natürlich. In Prag in der St. Barbarakirche und in den übrigen Teilen des Agnesklosters begegnen wir fast allen Elementen der plastischen Verzierung, welche wir dann auch in der Synagoge finden: Schlußsteine, Kapitäle und Konsolen sind reich mit Pflanzen verziert. Fein ausgearbeitetes, lebendiges Blattwerk verrät jedoch, daß wir hier im Agneskloster am Anfang der Entwicklung stehen: der hier arbeitende Steinmetz hat sichtlich viel gesehen, aber noch wenig selbst geschaffen. Er versuchte hier alles, was zu der Annäherung an die Natur beigetragen hat, aber er selbst verfiel noch oft in den romanischen Ornamentismus,*in den Schematismus und die Flächenhaftigkeit dieser Zeit. 84 22