Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 4 (1932)
- Date
- 1932-01-01
- Page
- – (sequence 52)
- Language
- German
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waren und vieles andere, das die Juden allein aus Polen, Ungarn, Österreich189 und anderen Ländern nach Mähren brachten, zum Teil verkauften, zum Teil aber für eigene Rechnung und für den eigenen Handel verarbeiten ließen, wobei die Geldleihe in den verschiedensten Arten mit eine wichtige Rolle spielte. Häufiger als früher treten sie als Käufer der Fertigwaren der heimischen Gewerbler auf, vertreiben sie im ganzen Lande und führen sie auch in großen Quantitäten, besonders Textilien, auf fremde Märkte und Messen. Auf diesen sind sie sowohl als Verkäufer wie auch als Käufer von im Lande selbst nicht erzeugten Waren vom Ende des 17. Jahrhunderts an wieder häufig anzutreffen. Auf den Leipziger Messen z. B. stellen die böhmischen Juden im Zeitraum von 1675 bis 1764 nach der Judenschaft Deutschlands selbst das stärkste Kontingent, die mährischen das zweitgrößte unter all den ungezählten jüdischen Messebesuchern vieler Länder.190 So sehen' wir trotz dieser ganz äußerlichen und nur die Umrisse zeichnenden Skizzierung den ganzen Handel des Landes, den städtischen, interlokalen, den Import- und Exporthandel sich in den Händen der Juden konzentrieren. Wir sehen aus der Masse der mährischen Judenschaft Großhändler aufsteigen, eine breite Mittelschicht sich bilden, die sich von dem umherziehenden Hausierer abhebt — all das aber immer noch im Kampfe mit den Städten, die sich bitter über die je länger, desto drückender empfundene Konkurrenz beklagen und Beschwerde über Beschwerde an die Grundherren richten. Immer noch war das von den Zünften ausgebildete Recht das geltende Gewerberecht, immer noch standen dem befugten Handelsstand Privilegien zur Seite, gegen die die Juden, ebenfalls privilegiert, bei jedem Schritt verstießen und verstoßen mußten, weil ihrem Wirken kein bestimmter Platz eingeräumt war. Wir sagten schon, daß der Kampf zwischen beiden Parteien niemals so heftig war, wie am Ende des 17. und während des ganzen 18., aber auch in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Aber den Juden standen jetzt nicht allein ihre kaisei liehen und grundherrlichen Privilegien zur Seite, sondern auch die auf Hebung der nationalen Wirtschaft gerichtete Gesinnung des merkantilistischen Staates. Wohl legte er ihnen Hindernisse in den Weg, indem er, seinen Prinzipien getreu, die Ausfuhr von Rohstoffen verhindern wollte, und die Einfuhr von fremden Fabrikaten, soweit sie auch im Inlande erzeugt werden konnten, zu Zeiten verbot. Aber sein Streben ging dahin, die heimische Produktion zu heben, den Inlandhandal zu beleben und den Ausfuhrhandel auf eine möglichst hohe iiHufe zu bringen. Er versuchte, die Macht der Zünfte zu brechen, ihren Machtbereich zu beengen. Er empfahl schließlich jenes Produktionssystem, das von den Juden schon lange gübt wurde: das Verlagsystem. Und fragen wir nach den weitreichendsten Leistungen der Juden in dieser 49 55