Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 4 (1932)
- Date
- 1932-01-01
- Page
- – (sequence 53)
- Language
- German
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Periode auf wirtschaftlichem Gebiet, so müssen wir eben die Organisation der Verlagsarbeit, deren Anfänge wir in der zweiten Periode schon konstatieren konnten, hervorheben. In Verbindung mit der Geldleihe, öfter mit der kreditweisen Lieferung von Rohstoffen, zumeist in der Kombination beider, ließen die Juden den Großteil der Waren, mit denen sie im Lande handelten und die sie auf fremde Märkte ausführten, von städtischen Handwerkern auf ihre Rechnung, auf ihre Initiative hin erzeugen. Besonders als sich ein selbständiger Stand von Arbeitskräften zu bilden begann, jene vielen Gesellen, die niemals zum Meisterrecht vorrücken konnten und teils in der Stadt, teils in Dörfern auf dem Lande aus vorgelegten Stoffen Waren erzeugten, konnte die von den mährischen Juden organisierte Verlagsarbeit an Umfang zunehmen und sich ausbreiten. Vielfach waren es aber auch arme oder verarmte zünftige Meister selbst, die ebenso wie die von den Handwerkerkorporationen verfolgten Pfuscher für die Juden Waren herstellten, ohne selbst noch auf eigene Rechnung zu produzieren. Zu höchster Entfaltung kam diese Organisation bei den jüdischen Heereslieferanten, deren Anfänge in die Mitte des 17. Jahrhunderts zurückgehen, deren größte Gestalten aber die Mitte und die Wende des 18. Jahrhunderts hervorbrachte. Ganze Zünfte wurden mit Rohmaterialien: Wolle, Leder, Tuchen versehen und gegen einen vereinbarten Arbeitslohn wurden die fertigen Produkte an die wenigen jüdischen Lieferanten wieder abgeführt. Auch Zünfte der königlichen Städte nahmen vorzüglich an dieser Arbeit teil. Es waren die ersten Anfänge einer verlagsmäßigen Massenprodukt i o n in Mähren — ihre Organisatoren waren Juden. Und auf denselben Prinzipien basierten auch die ersten von Juden im Lande errichteten Fabriken, die oftmals mit dem gesteigerten Verbrauch der Heere im Zusammenhang standen. Sie wandten sich nicht allein an die ländlichen Pfuscher, sondern vielfach an die zünftigen Handwerksmeister der Städte, die nunmehr in völlige Abhängigkeit von den das Rohmaterial liefernden und den Absatz besorgenden jüdischen Verlagsunternehmer gerieten. Der Kampf war auf diese Art vielfach schon entschieden, als die Gewerbefreiheit gesetzlich proklamiert wurde — die Juden hatten ihn gewonnen —, sie hatten im Kampf um ihre Existenz, in einem Kampf, der lange unentschieden tobte und in welchem sie viele Niederlagen erlitten hatten, die alten, jede Kokurrenz ausschaltenden Formen einer engen Wirtschaftsordnung gebrochen und auf ihren Trümmern eine neue errichtet: den modernen Kapitalismus, der seinem Wesen nach nichts anderes ist, als die Auflösung des wirtschaftlichen Prozesses in seine beiden Bestandteile: Technik und Kommerz und den Primat des Kommerzes über die Technik postuliert.191 56 50