Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 4 (1932)
- Date
- 1932-01-01
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Zweites Kapitel. Eine kürzlich aufgetauchte These zur Wirtschaftsgeschichte der Juden in Mähren. Wiedergabe des Inhaltes der zu untersuchenden Arbeit: die Juden in den königlichen Städten; ihr Verhältnis zur Landwirtschaft. Nach der Austreibung: Geldleihe als einziger Erwerbszweig — die Bauernordnung von LouSany v. 1525 — Übergang zum Handwerksbetrieb. Die Quellen de« jüdischen Handwerks. Zusammenfassung der Grundgedanken. Charakteristik der Betrachtungsweise. Notwendigkeit der Gegenüberstellung einer anderen Auffassung. Bei einer solchen Sachlage wird es wohl gestattet sein, für die Bearbeitungder Wiartsc'haf'tsgescbichte der Juden in der Tschechoslowakei vorerst einige Richtlinien auifzuzefohnen und Blickpunkte zu fixieren, sowie die anzustrebenden Ziele herauszuheben. Ziele, die für den Fall, daß sie erreicht werden, für die gesamte Wirtschaftsgeschichte der Republik Ergebnisse zeitigen könnten, die bisher weder gekannt, noch in ihren ursächlichen Zusammenhängen geahnt wurden. Ein großes, bislang kaum beachtetes Gebiet würde ins Licht gesetzt werden. Gleichzeitig wollen wir aber eine kürzlich aufgetauchte Theorie auf ihre Richtigkeit und Stichhaltigkeit hin prüfen, eine Theorie, die dem Ablauf der jüdischen Wirtsctoaftstätigkeit, speziell in Mähren, eine ganz eigenartige Richtung zuweist und die, wenn sie sich in ihren Behauptungen als zutreffend erwiese, die Rolle der Juden in der Wirtschaftsgeschichte des Landes in einer unerwarteten Beleuchtung zeigen würde. Wir wollen nun die hauptsächlichsten Partien jener Arbeit22 kurz anführen und ohne jeden Kommentar wiedergeben: Die Situation der ins Land Mähren berufenen Juden ist um die Mitte des 14. Jahrhunderts günstig; ihre Tätigkeit, in „Handelsschaft und Darlehensgeschäft"23 bestehend, wird allenthalben gefördert. Die Darlehensgeschäfte erstrecken sich auf Stadt und Land. Vor und während der Hussitenkriege ist Immobilienbesitz bei ihnen anzutreffen; verpfändete landtäfliehe Güter gehen in ihren Besitz über. Aus dem Verschwinden landtäflichen Besitzes bei Juden von 1415 an muß auf eine Verschlechterung der politischen, sozialen und wirtschaftlichen Situation geschlossen werden.24 Aus der Tatsache des Besitzes von einzelnen Freihöfen im 17. Jahrhundert durch Juden werden ähnliche Zustände für das 15. Jahrhundert abgeleitet. Die Brünner Judengemednde als größte dos Landes besitzt eine Mühle und Mälzerei, erwirbt Grundstücke. Ihre Mitglieder 'betreiben Darlehensgeschäfte,25 reiche Juden verlegen in dieser Eigenschaft noch vor den Hussitenkriegen ihren Wohnsitz nach Wien. Die Beschuldigung der Juden des Einverständnisses mit den Hussiten, sowie die steigende Verschuldung der königlichen Städte durch Kriegslasten an die Juden, führt 1426 schon zur Austreibung aus Iglau.26 Das Bestreben der königlichen Städte, „jüdischen Immobilienbesitz auf jede Weise zu mindern",27 sowie das Auftreten Capistranos führt zur endgültigen Austreibung aus den königlichen Städten, bis auf Ung.-Hradisch. Nun beginnt ein dreihundertjähriger Kampf um das Recht, im Lande verbleiben zu dürfen.28 Aus den bedeutendsten Städten des Landes vertrieben, sind die Juden ge-