Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 3 (1931)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- – (sequence 426)
- Language
- German
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wurde ein großes Lager von Stoffen und fertigen Kleidern unterhalten, die wagenweise teils nach Galizien, teils nach Ungarn verführt wurden. Einen Verkaufsladen in der Stadt (richtiger in der Judenstadt) unterhielt Mandl nicht mehr. Der Plumenauer Amtmann spricht von „enormen Bestellungen, die sich in die vielen Tausende erstrecken44; er hatte nicht übertrieben. Tatsächlich hatte Mayer Mandl den alten mährischen Kleiderhandel derart großzügig organisiert, daß er in raschem Tempo nicht nur Mähren und Schlesien, später auch Böhmen und Galizien belieferte, sondern um die Mitte des 19. Jahrhunderts auch in die Alpenländer vordrang, gleichzeitig sich aber auch in Ungarn festsetzte und von den großen Pester und Preßburger Märkten aus auch mit der Eroberung der Donaufürstentümer, Rumäniens, und selbst der europäischen Türkei begann130). Dieser rasche Siegeszug wäre nicht möglich gewesen, wenn außer einer eminent großzügigen geschäftlichen Begabung dem kaum Dreißigjährigen nicht auch die Entwicklung der heimischen Textilindustrie zu Hilfe gekommen wäre. Während bisher die auf den Markt gebrachten Kleider, soweit es sich nicht um Produkte aus Leder (Hosen) und um Bauernpelze gehandelt hatte, zumeist aus billigen Baumwollzeugen, wie sie besonders in Warnsdorf und Rumburg erzeugt wurden, und aus groben Tuchen gefertigt waren, kam um das Jahr 1815 eine Brünner Tuchfabrik auf den Gedanken, billige, aber sehr dauerhafte Stoffe herzustellen, die zur Hälfte aus Wolle, zur Hälfte aus Baumwolle bestanden131). Diese Ware, die bald in sehr billigen Ausführungen angefertigt wurde, ermöglichte es, auch die Preise der besseren Kleidungsstücke sehr billig zu gestalten. Das war aber nur ein Anfang gewesen, denn die meisten Brünner Tuchfabrikanten weigerten sich, diesen Stoff zu erzeugen und fuhren fort, schwere, ganzwollene, aber teuere Tücher herzustellen. Es waren dies diejenigen Tücher, die, als Kleider verarbeitet, vom Vater auf den Sohn übergingen, Generationen kleideten und nach Jahrzehnten des Gebrauchs frisch gefärbt weiter getragen werden konnten. Diese Solidität des Stoffes machte überhaupt erst den blühenden Altkleiderhandel möglich. Um das Jahr 1835 änderte sich aber die Sachlage mit einem Mal. Es entstand eine rege Nachfrage nach leichten Modestoffen, die, gemustert und dessiniert, das gerade Gegenteil der alten soliden Tuche darstellten. Sie waren viel weniger haltbar als die früheren, dafür aber auch viel billiger und ermöglichten einen öfteren Wechsel, den die Mode nun notwendig erscheinen ließ. Dieser Fabrikation, die auch eine ganz neue Betriebseinstellung in Bezug auf die Wollmanipulation usw. erforderte, hatte sich zu allererst Brünn bemächtigt und pflegte sie von nun mit großem Erfolg. So wie die Erzeugung solch billiger und nicht allzu 422