Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 3 (1931)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- – (sequence 420)
- Language
- German
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Selbstverständlich handelten aber auch diese großen Trödler selbst auf den Märkten und im Ghetto. Solcher Monturs-Oekonomie-Commissionen gab es außer der Haupt-Commission in Stockerau noch sieben, und es darf wohl angenommen werden, daß auch aus anderen dieser Depots regelmäßig oder von Zeit zu Zeit derartige Warensendungen erfolgten. Auch das alte Eisen, das in großen Quantitäten den Bekleidungsgegenständen beigepackt war, wurde vorteilhaft verwendet. Aus dem Kampf der christlichen gegen die jüdischen Eisenhändler in Proßnitz am Beginn des 19. Jahrhunderts (1806) wissen wir, daß die jüdischen Neu- und Alteisen-Händler altes Eisen Schmiede- und Schlossermeistern der Stadt zur Verarbeitung übergaben und dagegen neue Hufeisen, Pferdestriegel, Schaufeln, Schlösser u. v. a. m. eintauschten108). Dieser Monturenhandel wurde fortgesetzt; im Jahre 1830 wurde durch ein Zirkular des Olmützer Kreisamtes „verordnet den Verboth wegen Ankauf, Verkauf und Eintauschung ärarischer Montours Armatour und Rüstungssorten wieder kundzumachen"109) und erst 1839 verkündete ein Zirkular die „Modifizierung des Verboths des Erkaufs ärarischer Montours Sorten"110). Jetzt erst kam dieser Handel, da keine so rigorosen äußeren Beschränkungen mehr bestanden, zu voller Blüte. Am Schluß unserer Untersuchungen über den KLeiderhandel in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts können wir zusammenfassend konstatieren, daß er in all seinen vertretenen Variationen — sei es als Handel größeren Umfangs mit neuen Kleidern oder als Hausierhandel, als Trödelhandel mit mühsam aufgekauften abgenützten Kleidungsstücken, oder als Trödelgroßhandel, der die Ausbeute vieler Hausierer m seinen Gewölben vereinigt und Märkte beliefert, als Monturenhandel größeren oder kleineren Umfanges, als Handel mit „fast neuen" Kleidungsstücken, die aus serienweise erkauften Uniformen gefertigt wurden — voll ausgebildet und sehr verbreitet war und einen selbständigen kräftigen Zweig des mährischen Judenhandels bildete. Die ganze Situation, die wir abschließend kennen gelernt haben, war reif in eine höhere, eine entwickeltere Wirtschaftsform übergeleitet zu werden. Von allem Anfang an war der jüdische Kleiderhandel von Trägern kapitalistischer Wirtschaftsgesinnung betrieben worden. Ungezählte, immer wieder frisch auftauchende Hindernisse mußten besiegt werden, ehe er endlich um die Mitte des 19. Jahrhunderts nach jahrhundertealter Tradition denjenigen Grad der Reife erreichen konnte, daß es nur noch einer glücklichen Vereinigung günstiger Umstände, .einer entwickelten Textilindustrie und einer außerordentlichen Persönlichkeit be- 416