Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 3 (1931)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- – (sequence 414)
- Language
- German
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weiterhin von dem Wohlwollen der Plumenauer Zunft abhängig sein? Das Verfassungspatent vom März 1849, das für die österreichischen Juden den Beginn der bürgerlichen Gleichberechtigung einleiten sollte87), wurde .erst im Dezember 1851 außer Wirksamkeit gesetzt. In der Zwischenzeit, d. h. im November des Jahres 1850, wurde von den interessierten Kreisen der Proßnitzer Judengemeinde der Beschluß gefaßt, sich von der Plumenauer Zunft unabhängig zu machen und eine eigene Zunft zu gründen. Es sollte eine Reifoenzunft werden, die alle im Ghetto vertretenen Gewerbe zusammenfassen sollte. Es wurde an das Kreispräsjdium in Olmütz das Ersuchen gerichtet, eine eigene Zunft errichten zu dürfen, und schon zu Beginn des Jahres 1851 langte die Bewilligung zur Zunftgründung ein88). Diese Korporation erhielt nun, wahrscheinlich in mißverständlicher Auslegung der Bezeichnung Reihezunft den etwas merkwürdig klingenden Namen „Reichszunft in Proßnitz". Zur Zeit dieser Zunftgründung gab es nicht weniger als 34 jüdische Meister, die sich sämtliche „mit ihren gesetzlichen Meisterbriefen ausgewiesen' hatten89). An der Spitze standen die „Ältesten Gewerbe: die ehrsamen Schneider und Kappenmacher44. Ersterer gab es 7, letzterer 3, die sich mit Meisterbriefen der Plumenauer Schneiderzunft ausweisen konnten, die zwischen 1824 und 1850 ausgestellt worden waren. Die Rolle, die bis jetzt die Plumenauer Schneiderzunft gespielt hatte, sollte nun von der eigenen Zunft gefahrloser und auch mit weniger großen Opfern fortgesetzt werden. Aufdingung von Lehrlingen, Freisprechung von Gesellen und Ausstellung von Meisterbriefen geschah jetzt sozusagen in eigener Regie. Sonst stellte diese Korporation aber ein getreues Spiegelbild der alten christlichen Zünfte dar. Von den armen jüdischen G^ewerblern, die neben den reichen Händlern (und Meistern) saßen, wurde sogar echt zünftiger Geist in die jüdische Zunft getragen. In nichts wollte man den christlichen Gewerbe- und Zunftgenossen nachstehen. Es wurden ein Herbergsschild und eine Gesellenlade, sowie Handwerkszeichen angeschafft, an den Herbergsvater wurde richtig der Zins entrichtet, eine Zunftlade für 68 fl. in Arbeit gegeben und sogar eine Zunftfahne um 45 fl. 43 kr. angeschafft, deren Weihe 60 fl. 27 kr. kostete90). Das waren aber nur Äußerlichkeiten, wenn auch lächerliche. Der Hauptzweck dieser ZunftgTündung, das ist aus jeder Seite des Meister-, Gesellen-, . Lehrlings- und Cassa-Buchs ersichtlich, war: notwendige Zeugnisse, sei es Lehrlings-, Gesellen- oder Meisterbriefe beizubringen. Nebenbei wurden auch charitative Ziele verfolgt; Spitalbeisteuern geleistet, Stipendien und Almosen verliehen u. a. m. Die Plumenauer Schneiderzunft war für oben beschriebene Zwecke überflüssig geworden, trotzdem wurden aber nach wie vor die Meisterstücke,, die auch bei der 7?Relehszunft" vor Verleihung des Meisterbriefs vorgewiesen 110