Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 3 (1931)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- – (sequence 404)
- Language
- German
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Zunftdisziplin. Das einzige Mittel der Zunft sind nicht enden wollende Klagen und Bitten um Schutz, Haussuchungen bei Pfuschern und Konfiskationen unter „ämtlicher Assistenz"46).4 Besonders auf den Dörfern der Umgebung häufen sich in den letzten Jahren des Bestandes der Zünfte Hausdurchsuchungen bei Pfuschern und Konfiskationen ihrer Arbeiten. Interessant ist, daß dann, wenn ein Landpfuscher nachweisen kann, daß er nicht auf eigene Rechnung, sondern auf die eines jüdischen Kleiderhändlers und Meisters arbeitet, die konfiszierten Waren rückerstattet werden müssen47). Im Jahre 1856 arbeiteten in Proßnitz 41 Zunftschneider und 6 Meisterswitwen mit ihren „Werkführern"; sie beschäftigten im ganzen dreizehn Hilfskräfte; die Landzünfte umfaßten 74 Meister mit 29 Hilfskräften48). Die Zahl der verschiedenartigsten Schneiderpfuscher betrug ein Vielfaches der zünftlerischen Schneider. Sie waren in der Stadt, besonders aber auf dem Lande verbreitet. Die letzte Beschwerde der Zunft gilt den Juden. Sie scheint, aus dem resignierenden Ton zu schließen, den Kampf gegen diesen überlegenen Gegner endlich aufgeben zu wollen. Drei Jahre vor ihrer Auflösung schreibt sie an das Bezirksamt48): „Übrigens läßt sich bey dieser anhaltenden Theuerung, wo der Mangel an Arbeit ist, kein genaues Verzeichnis (über die Anzahl der Zunftschneider B. H.) angeben, wo ohnedem es dem k. k. Bezirksamte und dem Löbl. Gemeinderathe bewußt ist, daß die Zunft sich beschwert über die nicht berechtigten Juden, welche den Meistern mit ihrer Kau f arbeit großen Eintrag machen; so folgt der Mangel an Verdienst en, weil grö ßtentheils die neuen Kleider aus den Juden Kr a min angekauft werden, wodurch die hiesigen Schneidermeister ziemlichen Eintrag haben. So bittet gehorsamst die hiesige Schneiderzunft ein Löbl. k. k. Bezirksamt, so wie auch den Löbl. Gemeinderath geruhe, was möglich ist, gnädigst zu schützen" (1856). Es ist nicht mehr die Rede von Pfuschern; Juden und die für sie arbeitenden Pfuscher fallen zusammen, unter die von ersteren betriebene „Kaufarbeit", unter die „Neuen Kleider aus den Juden Kramin". Ein dreihundert Jahre währender Kampf hat mit dem Sieg des Kapitals über die Zunft sein Ende gefunden. — Drei Jahre später! sind die Zünfte aufgehoben worden, zu einer Zeit, wo in Proßnitz schon die erste Konfektionsfabrik in vollem Gange war. Aber noch bis zum Jahre 1883 wurden Schneidermeister in die „Ehrsame Zunft" aufgenommen50); der Zunftgeist konnte nicht sterben. * 400