Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 3 (1931)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- – (sequence 397)
- Language
- German
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betriebe" findet sich folgende Angabe: „1- Handel, 2. Kramerei, 3. Erzeugung baumwollener Waren mittelst Vorlegen der Materialien an die Webermeister, 4. Hausierer." Und zwar zählte man damals: 100 Handelsleute, 123 Krämer und 13 Hausierer6). Auch über die soziale Gliederung innerhalb der Gemeinde zeigt sich die Obrigkeit in einem Bericht an das Olmützer Kreisamt (1826) unterrichtet. Es sagt: „Obgleich die vermögendere Klasse ihren Erwerb durch Spekulationen und die minder bemitteltere sich durch den Betrieb verschiedenerley Handwerkes sichert, so weiß sich die ganz arme in der überwiegenden Anzahl bestehende7) (!) dennoch auf keine andere Art, als durch den Hausierhandel zu ernähren."8) Auch von Zeitgenossen, die ganz unbefangen den Verhältnissen im Proßnitzer Ghetto gegenüberstanden, haben wir Urteile über dessen Tätigkeit auf dem Gebiet des Handels. So heißt es z. B. im Jahre 1812: „Proßnitz hat eine der stärksten Judengemeinden im Lande. Ihr weiter, als auf den kleinen Schacher gehender Spekulationsgeist ist bekannt. Das nahe Olmütz gewährt ihrem Treiben einen stark benützten Tummelplatz."9) Und am Ende des vierten Jahrzehnts faßt Gregor Wolny in seiner bekannten Topographie Mährens10) sein Urteil über die Proßnitzer Juden folgendermaßen zusammen: „Diese äußerst industriöse Gemeinde ernährt sich von verschiedenartigem Handel und besucht auch die Märkte zu Brünn und Wien." Proßnitz war an numerischer Stärke wohl dem Nikolsburger Ghetto nachstehend, unbedingt aber das stärkste Handelsghetto des Landes; naturgemäß mußten auch in ihm die ersten Ansätze zu planmäßig organisierter Produktion ihren Anfang nehmen. Die Tuchfabrikation, die die erste von einem Juden betriebene war, wurde abgelöst von der Barchenterzeugung, die ebenfalls in jüdischen Händen lag, und diese von einem dritten, ebenfalls von Juden betriebenen Produktionszweig, dessen letztes Stadium vor Errichtung der ersten Fabrik wir nun untersuchen wollen — der Konfektionsindustrie. * Wie verhielt sich die Schneiderzunft im 19. Jahrhundert zu ihren Konkurrenten? Hat sich irgendetwas in ihrem Verhalten seit dem Auftauchen der kleiderhandelnden Juden und der für diese arbeitenden christlichen Pfuscher geändert? Wie wir weiter unten sehen werden, hat sich nicht nur nichts geändert, sondern im Gegenteil hat der hartnäckige Abwehrkampf, den die Schneiderzünftler während der sechs Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts nach verschiedenen Seiten hin geführt 393