Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 3 (1931)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- – (sequence 382)
- Language
- German
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Für ihn war auch die Frage, welcher Kundenkreis ihm zustehe, nicht sehr wichtig. Auf Bestellung dürfte er nur für Glaubensgenossen (sehr selten und nur in Ausnahmsfällen während dieses Jahrhunderts auch für andere) gearbeitet haben, seine auf Vorrat hergestellten Kleider hielt er in den Läden des Ghettos und „unterm Rathause" feil, wo sie während der Jahrmärkte von der in die Stadt strömenden Landbevölkerung fleißig aufgesucht wurden. Neben den Jahrmärkten von Proßnitz boten aber die Märkte der anderen Städte ein weiteres Absatzfeld; insbesondere nach der Regulierung der mährischen Märkte im Jahre 177488), wobei die Städte Brünn und Olmütz der ersten Klasse einverleibt wurden und nunmehr eine doppelt so lange Marktdauer als früher hatten89), die anderen königlichen Städte aber achttägige, die größeren Munizipalstädte viertägige und die kleinen Städte und Marktflecken zweitägige Jahrmärkte erhielten. Auch die Wochenmärkte, insbesondere der königlichen Städte, standen den kleiderhandelnden Juden, im Gegensatz zu anderen Gewerbs- und Handelsleuten, offen80). Wir wissen bereits, daß im zweiten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts das Proßnitzer Ghetto nicht weniger als zwölf jüdische Schneider aufzuweisen hatte. Unter allen Gewerbearten, die im Ghetto vertreten waren, hatten die Schneider die größte Zahl. (Es ist also nur selbstverständlich, daß diese vielen „Schneider1* nicht für die Juden allein arbeiteten.) Gegen Ende des Jahrhunderts (1784 oder 1785) gründeten sie eine „Gesellschaft von jüdischen Schneidern", eine Art frommer Bruderschaft (aus Zusammenschlüssen ähnlicher Art gingen ursprünglich die christlichen Zunftverbände hervor), um eine „auf Borg" erkaufte Thora gemeinsam „genüßen" und abzahlen zu können91). Die Zahl der jüdischen Schneidermeister am Ende des Jahrhunderts genau anzugeben, ist nicht möglich, doch läßt die erwähnte Gesellschaftsgründung, sowie die Tatsache, daß 1789, zur Zeit der deutschen Namengebung (richtiger Namenwahl), nicht weniger als 10 Personen auftreten, die den Familiennamen Schneider führen, wobei vier Familien diesen Namen auch weiterhin behalten, auf eine recht große Verbreitung der Schneiderei im damaligen Proßnitzer Ghetto schließen92). Selbstverständlich lassen es sich die Zunftschneider nicht nehmen, über die Konkurrenz, die ihnen durch das Ghetto erwächst, bitter zu klagen. Besonders gegen Ende des Jahrhunderts nehmen diese Beschwerden an Häufigkeit und Intensität zu. Da es nun nicht mehr angeht, im allgemeinen über die kleiderhandelnden Juden zu klagen, da diese immerhin mit manchen Gewerbefreiheiten ausgestattet sind, versuchen die Zünftler nunmehr die jüdischen Schneider der „Pfuscherei" zu bezichtigen. Griff der Magistrat nicht sofort ein, so gingen die 378