Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 3 (1931)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- – (sequence 354)
- Language
- German
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Gewerbetreibenden, die sich über die jüdische Konkurrenz auf den Märkten in den königlichen Städten bitter beklagen90), stehen die Zunftschneider. Sie behaupten, daß die Juden mit „nichtsnutzen" Waren ihr Gewerbe stören; und nichtsnutz war alles, was billig schien und von den Zünften fernestehenden Gewrerblern stammte. Nachdem nicht angenommen werden kann, daß die Kleider der Proßnitzer Judenschneider allein alle königlichen Städte zu dieser Beschwerde veranlaßten, wollen wir nun untersuchen, wie weit die Judenschneiderei in ihren verschiedenen Formen im Lande verbreitet war. Wir wissen, daß am Ende des 16. Jahrhunderts nur zw^ei Ghettogemeinden, Trebitsch und Straßnitz, jüdische Schneider aufweisen konnten; vor dem Dreißigjähr. Kriege werden außer in Proßflitz (1618) noch in Trebitsch (1610)91) und in Ungarisch-Brod jüdische Schneider genannt92). Ganz anders wurde die Situation nach dem Kriege. Plötzlich weisen beinahe die Hälfte aller Ghetti jüdische Schneider auf. Solche, die einen bis drei besaßen, wraren in der Überzahl. Es waren: (mit einem Schneider): Jamnitz93), Pirnitz94), Loschitz95), Kanitz96), Boskowitz97) und Kremsier98); (mit zwei Schneidern): Kostel"), Eibensehitz300), Mähr.-Aussee101), Kojetein102); (mit drei Schneidern): Austerlitz104), Groß-Meseritsch104) und Neu-Raußnitz105). Mit vier und mehr Schneidern: Straßnitz106), Pohrlitz107), Nikolsburg108), Holleschau109), Leipnik110) und Göding311). Überall dort, wo die Zahl der jüdischen Schneider vier erreichte oder überschritt (bis auf Pohrlitz und Straßnitz), kam es zu Beschwerden der christlichen Schneiderzunft, welche von der jeweiligen Grundherrschaft durch einen Vergleich, ein Privilegium oder Neubildungen von besonderer Art beantwortet wurden. Wenden wir uns zuerst Nikolsburg, dem größten mährischen Ghetto, zu. Hier treffen wir um die Mitte des 17. Jahrhunderts (1647)112) eine regelrechte Zunft jüdischer Schneider. Der Satz aus Sombarts Judenbuch: „In die Zünfte und Innungen fanden die Juden keinen Zutritt: das Kruzifix, das in allen Amtsstuben dieser Verbände aufgestellt war, und um das sich alle Mitglieder versammelten, hielt sie zurück"113), kann jetzt ergänzt werden: dort aber, wo sich dem Geist der Zeit gemäß die Notwendigkeit zu ergeben schien und die äußeren Umstände günstig waren, bildeten sie selbst Zünfte. Immerhin eine seltsame Ausnahmserscheinung im Mitteleuropa des 17. Jahrhunderts. Nachdem um die Mitte des Jahrhunderts in Nikolsburg zwischen der christlichen und jüdischen Schneiderzunft Streitigkeiten ausbrechen114), werden die Statuten der letzteren ergänzt und verbessert und vom Grundherrn, dem Fürsten Ferdinand Josef von Dietrichstein (1658,1659),* bestätigt. Nicht lange danach ist der Grundherr wiederum gezwungen, verschärfte Vorschriften für die jüdische Zunft zu erlassen, da „Zwie- 350