Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 3 (1931)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- – (sequence 340)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2644300-2644305--1346-2645689- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Dieses Interlocutum wird im Jahre 1688 ergänzt; es erweitert die Handelsbefugnisse der Judenschaft und bildet für lange hinaus die Grundlage bei der Entscheidung von Kompetenzstreitigkeiten zwischen Juden und Christen. Innerhalb der Stadt wird der Standort des jüdischen Handels aus dem Ghetto, dessen Wohnverhältnisse durch neuerlichen Zuzug von Wiener Exulanten (1670)50) allmählich beengt werden, gegen das Stadtinnere verlegt und die Kramladen „unter dem Rathause" in Besitz genommen. Während 1679 erst zwei dieser nahe dem Stadtplatze gelegenen Verkaufsgewölbe von Juden besetzt waren, sind es zehn Jahre später bereits alle, nunmehr elf Läden und ihre Zahl wird immer weiter vermehrt, da sie eine ergiebige Einnahmsquelle für die bedürftigen Stadtfinanzen bilden51). Der Judenhandel geht um diese Zeit schon weit über die Stadt und die Grenzen des Landes hinaus. Gegen Ende des Jahrhunderts begegnen wir Proßnitzer Juden auf den wichtigen Messen von Breslau (1692)52) und von 1688 an regelmäßig auf denen von Leipzig53). Die Frage, ob vor dem Dreißigjährigen Kriege in Proßnitz oder dem sonstigen Mähren Kleiderhandel, sei es von christlichen Schneidern oder Juden, getrieben wurde, mußte verneint werden, da keine wie immer geartete Nachricht dieses vermuten ließe. Ganz anders wurde es im und besonders nach dem Kriege. Von einem einzigen Fall abgesehen, wo angenommen wurde, daß ein zünftiger Schneider in Proßnitz Tuch ankaufe, um für Bauern Kleider auf Vorrat anzufertigen (1675), sind es nunmehr ausschließlich Juden, die diesen neuartigen Handelszweig pflegen und nicht nur in Proßnitz, sondern in ganz Mähren zu hoher Blüte bringen. WTir hörten bereits, daß im letzten Jahrzehnt des Krieges von den mährischen Schneiderzünften Soldatenkleider gefertigt wurden, die zum Teil aus Tuch, das von Juden an Stelle der ausgeschriebenen Steuern, zum Teil aus der jüdischen Kriegskontribution, die zwischen 6 und 10.000 fl. schwankte, gearbeitet waren. Waren die Juden mit der Entrichtung ihrer Kontribution im Rückstände, stockt auch die Anfertigung der Uniformen54). Vom Jahre 1645 an hatten aber die Juden selbst auf Rechnung ihrer Steuerschuldigkeiten Soldatenkleider zu liefern. So sollten in diesem Jahre die böhmischen Juden 1000 Soldatenkleider, die Prager 600 Uniformen zur Ablieferung bringen55). Im folgenden Jahre werden auch die mährischen Juden herangezogen, jede Woche sollten sie 100 Uniformen anfertigen, und 1647 arbeiten bereits mährische, böhmische und Wiener Juden an der 336