Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 3 (1931)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- – (sequence 135)
- Language
- German
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Im Jahre 1883 in Kolin geboren, lernte Fischer im Elternhause wenig von jüdischem Wesen kennen. Aus seiner Vaterstadt nahm er, nach eigenem Geständnis, höchstens die Abneigung gegen das Judentum mit auf den Lebensweg. Nach bestandener Maturitätsprüfung studierte er an der tschechischen und deutschen Universität in Prag, sowie an der Berliner Universität Germanistik. Sauer, Erich Schmidt und Roethe zählten zu seinen Lehrern. Vom Jahre 1906 bis 1909 war er Beamter der Prager Universitätsbibliothek, im Jahre 1909 habilitierte er sich an der Prager tschechischen Universität für deutsche Literaturgeschichte und bekleidete in den Jahren 1911 und 1912 gleichzeitig das Amt eines Dramaturgen am Prager Nationailtheater. Otakar Fischer hat jetzt die ordentliche Lehrkanzel für deutsche Literaturgeschichte an der Prager tschechischen Universität inne und gehört zu den Zierden dieser Hochschule. Wer Fischers schriftstellerische Tätigkeit verfolgt, dem wird der Zusammenhang zwischen seinen poetischen, translatorischen und wissenschaftlichen Arbeiten nicht entgehen. So wie die bei den wissenschaftlichen Studien zutage tretenden Gefühlsemotionen in der Lyrik und im Drama Ausdruck finden, so bilden die wissenschaftlichen Monographien einen Kommentar zu Fischers poetischen Werken. Im Jahre 1911 erschien die erste Gedichtsammlung von Otakar Fischer: „Das Königreich der Weit44 (Krälovstvi sveta) und schon da bewies der Autor sein ungewöhnliches Formtalent. Der Seelenkampf, der die Quelle für das ganze spätere poetische Schaffen Fischers bildet und der eine Skepsis hervorruft, mit der der Dichter sich iselbst und die ganze Welt betrachtet, tritt bereits hier klar in Erscheinung. Er stellt sich als rasenden Maler dar, der das Gefühl hat, als ob er den Boden unter sich verlöre und in einen tiefen Abgrund stürzte. Die Unsicherheit wird ihm unerträglich, sie treibt ihn zur Verzweiflung. Er sagt sich von der äußeren Welt los und zieht sich in seine Seele zurück. Da erst findet er wieder die ersehnte Ruhe („Der rasende Maler"). Die Analyse der kranken Seele, die Zerrüttung des eigenen Ich, das Hin- und Herschwanken im Wirbel der Welt, diese Hauptmotive der ersten Gedichtsammlung Fischers, kehren auch in seinen übrigen lyrischen Büchern: „Beleuchtete Fenster" (Ozäfena okna, 1916), „D er brennende Busc h" (Honci kef, 1918), „S o m m e r" (Leto, 1919), „Kreis e" (1921), „Stimmen" (Hlasy, 1923) wieder. Drückt doch Fischer seine schwermütige Stimmung, seine Seelenkrise am liebsten im Lied aus. Mit den genannten Büchern eroberte sich Fischer den ersten Platz in der tschechischen Poesie und gelangte in unmittelbare Nachbarschaft der großen Dichter Otakar Brezina und Antonin Sova. 131