Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 3 (1931)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- – (sequence 123)
- Language
- German
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lebhaften Dialog und in der ihrem Stande abgelauschten Sprache sprechen, die er wie kein zweiter beherrscht. Poläcek wählt seine Figuren sehr gerne auch aus dem jüdischen Milieu. Vereinzelt kommen jüdische Motive in den „Erzählungen des Herrn Kockodan", „An der Schwelle des Unbekannten" und in „3 5 Skizzen" vor, ausschließlich jüdischen Inhalt haben die „Erzählungen jüdischen Bekenntnisses", „Stellenlos" und „Die Schnurbartbinden". Darin schildert Poläcek, wie bereits erwähnt, mit Vorliebe kleinere oder größere Kaufleute und deren resolute und geschäftstüchtige Frauen, Reisende, Handlungsgehilfen u. dgl. Poläceks jüdisches Handelsvolk unterscheidet sich wesentlich von den Dorfjuden des V. Rakous. Es steht kulturell und wirtschaftlich auf einer etwas höheren, sittlich aber auf einer tieferen Stufe. Diese Blaus, Blums, Bondis, Poppers und Konsorten sind nur halb assimilierte Tschechen (sie sprechen wohl tschechisch, denken aber deutsch und bedienen sich darum so vieler Germanismen oder übertragen jüdische Redewendungen wortwörtlich ins Tschechische), sie sind halb- oder ganz ungebildete Menschen, die hie und da Bildungsbrocken auffangen und diese bei jeder Gelegenheit anzubringen bestrebt sind; ihre weiteren Eigenschaften sind Verschmitztheit, Gerissenheit, Geschwätzigkeit und zudringliches Wesen. Alles in allem also recht unsympathische Menschen, wobei am traurigsten ist, daß es keine Karikaturen, sondern wahrheitsgetreu geschilderte Menschen sind, wie wir ihnen auf der Straße, in der Eisenbahn und in öffentlichen Lokalen auf Schritt und Tritt begegnen. Poläceks Erzählungen sind kurz, manchmal anekdotenhaft, häufig sind es durch übermütige Anekdoten gewürzte Charakterschilderungen ohne jede Handlung. Bei aller Fröhlichkeit und allem Übermut verzichtet aber Poläcek auf Derbheit und Zote. Das und die bereits hervorgehobene glänzende Charakteristik der Personen durch die Sprache verleiht den jüdischen Erzählungen Poläceks einen bedeutenden literarischen Wert. Robert Saudek, der sich in letzter Zeit einen bedeutenden Namen als Graphologe erwarb, erweckte ein gewisses Aufsehendadurch, daß er sowohl seine belletristischen wie auch wissenschaftlichen Werke zugleich in mehreren Sprachen veröffentlichte. Uns interessieren vor allem seine dramatischen Jugendarbeiten. Saudek wurde im Jahre 1885 in Kolin geboren und war nach Absolvierung der Aussiger Handelsakademie in Berlin, Paris und wieder in Berlin als Kaüfmann tätig. Während seines zweiten Berliner Aufenthaltes trat er als Schriftsteller auf und schrieb gleicherweise für die 119