Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 3 (1931)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- – (sequence 120)
- Language
- German
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Rakous führt dem Leser eine Reihe von jüdischen Typen vor, an denen dieser seine wahre Freude empfindet. Mögen diese Dorfleute geistig nicht allzu hoch stehen, mögen sie manchmal einfältig oder komisch wirken, mögen sie ihre Mucken und Eigenheiten haben und mögen sie noch so arm sein, sie zeichnen sich fast alle durch Güte, edlen Sinn, Bravheit, durch ethische Veranlagung und soziales Empfinden aus. Da ist, um nur einige Personen hervorzuheben, die ein wenig brummige, aber seelensgute Tante Lori, die, selbst eine arme Hausiererin, die Familie ihres noch ärmeren Bruders immer wieder unterstützt; da ist der arme, aber ehrliche Lojsa Kiesler, der seinen reichen Konkurrenten Fajtys vor Schaden bewahrt, der biedere Chewrakadischavorsteher Mendl aus Kozojed, der keinen Unwürdigen zum heiligen Leichendienst zuläßt, der herzensgute, allseits hochgeschätzte, aber durch seine Familie tief unglückliche Getreidehändler Heim, der selbstlos entsagende Adam Mandelik, der trotz der Taufe sein wahres jüdisches Herz bewahrende Onkel Wenzel u. a. Ein weiterer Vorzug von Rakous' Erzählungen ist die vorzügliche Charakteristik der handelnden Personen und ihre realistische Darstellung. Sie sind so glänzend porträtiert, so plastisch gezeichnet, daß sie der Leser vor seinen Augen leibhaftig wandeln sieht. Zu der realistischen Darstellung trägt auch der dem wirklichen Leben abgelauschte Gesprächston bei, dessen sich Rakous' Figuren bedienen. Der dritte Vorzug der Erzählungen von Rakous, der ihnen zweifellos die meisten Leser gewonnen hat, ist ihr köstlicher, unverwüstlicher Humör. Rakous erreicht ihn nicht etwa durch einen gelegentlichen Witz, sondern durch die komischen Situationen, in die er seine Helden bringt (vor* allen in den Geschichten« von Modehe und Resi). Der Humor, der durch die Einflechtung jüdischer Brocken in den tschechischen Dialekt erzielt wird, geht nämlich in der deutschen Übersetzung verloren. Die Bedeutung von Vojtech Rakous, diesem „unbewußten Soziologen" der böhmischen Dorfjuden, hat noch eine andere Ursache. Während die übrigen tschechischen Schriftsteller, sofern sie den Juden sympathisch schilderten, diesen in ihrer romantischen Anwandlung als leidenden Ahasver darstellten, zeichnet Rakous seine jüdischen Dorfgestalten realistisch, so wie sie lebten, mit allen ihren Vorzügen und Fehlern. Und so gebührt ihm das Verdienst, einen Judentypus, der sowohl in Böhmen wie auch in Mähren im Aussterben begriffen ist, wenigstens in der Literatur festgehalten zu haben. Aber Rakous ist nicht nur Humorist. Gerade die beiden ernsten Erzählungen „Onkel Vaclav" und „Am Scheidewege" haben den größten künstlerischen Wert. 116