Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 3 (1931)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- – (sequence 106)
- Language
- German
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macht und ihren Ursachen nachgeht. Vor allem interessieren ihn aber die Verhältnisse seiner Glaubensgenossen. So sehr er die Vorzüge des jüdischen Fabrikanten und Kaufmannes schätzt, so wenig verhehlt er sich deren Fehler. Die zahlreichen Falliments in der Textilbranche, die meistens Juden betrafen, erfüllten ihn mit Besorgnis. Er forscht nach ihren Ursachen und findet sie im luxuriösen Leben (vielfach auch im großen Aufwand der Frauen). Dem Großkaufmann und Großindustriellen macht er ferner den Vorwurf, daß sie den kleinen Juden durch Kreditentziehung im Stiche lassen, was einen katastrophalen Rückgang der kleinen jüdischen Existenzen zur Folge hat. „Niemand kann sich etablieren, niemand vermag festen Fuß zu fassen. Wir verlieren ein Gebiet nach dem anderen, der Kleinhandel und die Kleinindustrie liegen vollständig darnieder und die Großindustrie lebt dank unserem Außenhandel von der Hand in den Mund." Der Grund des Verfalles liege nicht so sehr in äußeren Verhältnissen, sondern vielmehr in der Degeneration, im Rückgang der geistigen Kräfte. Vohryzek lenkt die Aufmerksamkeit seiner Glaubensgenossen auf verschiedene Zweige der Gr oß- und Kleinindustrie, die in Böhmen noch brach liegen, und empfiehlt ihnen das Studium der Erzeugungsverhältnisse im Ausland. Vom tschechischjüdischen Verband verlangt er die Errichtung eines Gewerberates. Dieser hätte wichtige technische Werke zu empfehlen und zu verleihen, alle dem jüdischen Nachwuchs zugänglichen Erwerbsquellen in Evidenz zu halten, die Verhältnisse in verschiedenen Gegenden zu sondieren und zu untersuchen, welche industrielle Unternehmen da oder dort Fuß fassen könnten. Er verlangt ferner die Schaffung einer kaufmännischen Beratung, die Einkaufsquellen und Verkaufsmöglichkeiten empfehlen und eine Verbindung der Erzeuger mit den Händlern herbeiführen könnte, und eines Kreditinstitutes zur Förderung kleiner jüdischer Kaufleute. — Wie oft muß Vohryzek den jüdischen Kaufmann gegen böswillige Angriffe der antisemitischen Presse in Schutz nehmen! Um den Vorwurf des Wuchers als eines jüdischen Übels zu widerlegen, weist er auf eine ostböhmische Stadt hin, in der drei jüdische und vier christliche Wucherer lebten. Während von den Juden ein einziger ein Ver mögen von 40.000 K erwarb, verdiente der eine christliche Wucherer eine halbe Million, die übrigen jeder über 100.000 K. An anderen Beispielen zeigt er, daß die großen jüdischen Vermögen nicht durch Wucher, sondern durch ehrliche, zielsichere Arbeit entstanden sind. Alle großen jüdischen Unternehmungen gingen aus kleinen Anfängen hervor. Ein anderer den Juden ins Gesicht geschleuderte Vorwurf ist der des Parasitentums: ,yZide tyji z kfesfanskyeh mozolü" (Die Juden werden fett von den Schwielen der Christen). Zu seiner Entkräftigung zeichnet 102