Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 3 (1931)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- – (sequence 105)
- Language
- German
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Den die Religion negierenden Fortschrittlern, die den Glauben für eine überwundene Angelegenheit halten, beweist er mit Prof. Masaryk das Gegenteil, daß nämlich der Atheismus eine überwundene Sache sei. Das Konvertitentum verdammt er als egoistisch und charakterlos, die Konfessionslo'sigkeit bezeichnet er als Vorstufe des Abfalls. Erbittert kämpft er gegen Indifferentismus und Konfessionslo>sigkeit innerhalb des Tschechojudentums. „Für unsere spezielle tschechisch-jüdische Frage," sagt er, „gilt Folgendes: Wer den Mosaismus leugnet und dennoch in den Reihen der Juden verbleibt, für sie arbeitet und sich für sie opfert, handelt bei all seinem Edelmut nicht folgerichtig. Entweder gibt es eine jüdische Idee, oder gibt es eine jüdische Nationalität und Rasse. Dann wäre aber jedweder Kampf gegen den Zionismus gegenstandslos. — Nicht selten kommt Vohryzek auf den Antisemitismus zu sprechen, dessen Wurzeln er in der Religion erblickt. Den sogenannten Rasseantisemitismus betrachtet er nur als Mäntelchen des religiösen Antisemitismus. Philosophie. Vohryzek interessierte sich für alle philosophischen Systeme und war in der philosophischen Literatur sehr bewandert. Es wurde bereits angedeutet, daß er die religiöse Frage auf philosophischem Wege lösen wollte. Am meisten schätzte er unter den Philosophen Spinoza, den er neben Christus stellte. Er sagt von ihm, er habe alle alten Vorurteile umgeworfen und das Feuer zu neuem geistigen Leben entflammt. Gerne vergleicht er Spinoza, den Philosophen des Mosaismus, mit Tolstoj, den Philosophen des Christentums. — Vohryzek trug sich mit der Absicht, eine „Psychologie des Durchschnittsm e n s che n" zu schreiben. Als Durchschnittsmenschen bezeichnet er ein durch harte Arbeit ausgeglichenes Individuum. Seine Philosophie galt somit nicht den Philosophen, sondern Männern der Arbeit, wie Bauern, Gewerbetreibenden, Arbeitern. Ein solcher Durchschnittsmensch war z. B. der Eisenbahnbedienstete Vinzenz Englich, der nach 52jähriger Dienstleistung, von einer Schnellzugslokomotive erfaßt, den Heldentod der Arbeit starb. Vohryzek widmete ihm einen Nekrolog, der eine Hymne auf treue Pflichterfüllung und bienenhaften Fleiß hunderttausender unbekannter Arbeiter darstellt. Vohryzeks Philosophie des Durchschnittsmenschen ist bisher nicht gedruckt worden. Sie befindet sich in einem umfangreichen Manuskript seines Nachlasses. Volk s wirtsc häf t. Vohryzek behandelt volkswirtschaftliche Fragen von keinem hohen wissenschaftlichen Standpunkt aus, obgleich man ihm die Kenntnis der Fachliteratur nicht absprechen kann. Er betrachtet sie von der Warte eines intelligenten und welterfahrenen Laien, der sich über den Verfall der Industrie und des Handels Gedanken 101