Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 3 (1931)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- – (sequence 85)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2644300-2644305--1091-2645434- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Der jüdische Kaufmann. Vom jüdischen Kaufmann war in unseren Betrachtungen wiederholt die Eede. Er wurde, namentlich im tschechischen Dorf- und Kleinstadtroman, als unreell, ja betrügerisch dargestellt. Selbst gute Eigenschaften, wie Fleiß und Sparsamkeit, wurden ihm falsch ausgelegt. Mehr Anerkennung zollen den jüdischen Kaufmann Eduard Bass, Karl P o 1 ä c e k (von ihm wird in einem anderen Zusammenhang die Rede sein) und Vaclav 5 t e c h. Eduard Bass zeichnet in Herrn Goldschmied („H e r r Goldschmied auf Reise n", Pan Goldschmied na cestäch) ein Prachtexemplar eines konservativen Prager jüdischen Kaufmannes, wie sie wohl heute nur mehr zu den Seltenheiten gehören. Sein Geschäft, ein bekanntes Warenhaus am Wenzelsplatz, erfreut sich des Zuspruches der Prager Bevölkerung wie auch der Leute vom Lande. Zu seinen Angestellten ist er streng, aber gut und diese gingen für ihn und das Geschäft durchs Feu-er. Vor Weihnachten arbeiten sie sechzehn Stunden im Tag, ohne zu murren, denn sie erhalten am Abend ein reichliches Abendbrot, das ihnen Frau Goldschmied liebevoll vorsetzt. Trotz seines Reichtums ist Herr Goldschmied die Bescheidenheit selbst. Im Frühjahr pflegt er zum Einkauf nach Nürnberg und Paris zu reisen. Vor der Abreise geht er in die Schirm- und Stockabteilung. Der Verkäufer sucht ihm einen schönen Stock für 48 Kreuzer aus. Da kommt er aber beim Chef schlecht an. „Was glauben Sie, ich bin kein so feiner Mensch, daß ich einen Stock für ausgerechnet 48 Kreuzer brauche. Ein billigerer tuts auch." Und er sucht sich einen Weichselstock für 20 Kreuzer aus. Vor dem Geschäft steht jahraus jahrein ein Fiaker für Lieferanten, Fabrikanten und Vertreter großer Firmen. Herr Goldschmied hatte sich niemals in die Kalesche gesetzt, selbst dann nicht, wenn er auf Reisen ging und ihn der Kutscher bat, daß er ihn zur Bahn bringen dürfe. „Sie sind fürs Geschäft da und nicht für mich", sagte er und ging zu Fuß zum Bahnhof. Bass reiht in dieser Erzählung eine Begebenheit aus dem Geschäftsleben des Herrn Goldschmied an die andere und aus jeder leuchtet ein anderer feiner Zug dieses schlichten Kaufmannes hervor. Wie unsere erfahrenen und mit allen Salben geschmierten Kaufleute von Amerikanern dennoch übertrumpft werden, zeigt Bass in den Erzählungen „Öirok" und „Import Johny" (beide im Buche „Der Fall Nr. 128")20a). Väclav Stech behandelt im Roman „Das Glück der Goldenen Traube" (Stesti Zlateho hroznu) das Glück und Ende des jüdischen Kaufmannes Karneol. Der Losagent Karneol verkaufte im 81