Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 3 (1931)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- – (sequence 77)
- Language
- German
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Rückgang seines Geschäftes beimißt, antisemitische Reden in den Mund und zeigt deren Verlogenheit und Haltlosigkeit. Er weist auf die Unsinnigkeit des so verbreiteten Ritualmordaberglaubens hin und legt dar, wie leicht die ununterbrochene Judenhetze zu Ausschreitungen führt, deren man dann nicht Herr werden kann, und wie sich nach einem Pogrom — die Plünderung jüdischer Häuser in Schüttenhofen am 22. März 1866 wird ausführlich geschildert — die Rädelsführer zurückziehen und die Verführten in der Patsche sitzen lassen. Klostermann zeigt ferner, wie falsche Gerüchte über die Juden verbreitet werden: irgendein jüdischer Spitzbub kaufte von den Kuttenberger Bergleuten Silber und wurde dafür der gerechten Strafe zugeführt. Daraufhin entsteht das Gerücht, die Juden kaufen gestohlenes Silber und sie werden in ganz Böhmen mit den Schmährufen „stribro" behelligt. Oder ein anderes Beispiel: ein Gassenbub schleudert einem Juden einen Stein entgegen, wofür er von den anwesenden Christen gezüchtigt wird. Wie ein Lauffeuer verbreitet sich das Gerücht, ein Jude habe einen christlichen Knaben getötet. In der Novelle „Bestraft" („Potrestän") führt Klostermann zwei jüdische Hausierer vor, von denen er einen — man kannte seinen Namen nicht und nannte ihn überall nur „Jüdl" — als frommen, seelensguten, ehrlichen, allgemein beliebten Menschen und wahren Heros im Ertragen von Strapazen darstellt. Jüdl traf einmal seinen Konkurrenten Katz in seinem Rayon an (eigentlich besuchte Katz einen Arbeiter, der in seinem Rayon wohnte, aber in Jüdls Rayon auf Arbeit war) und. es kam zu einem Streit und Handgreiflichkeiten. Damit war aber die Sache noch nicht abgetan, denn sie drohten einander auch mit gerichtlichen Klagen. Es ist ebenso lustig wie rührend, wie sie zwar beide zum Richter laufen, wie aber keiner ernstlich die Klage einbringen will. Jüdl begnügt sich damit, daß Katz seine Anklageschrift unnützerweise mit einem Dreißigkreuzer-Stempel versah. Und da Jüdl nicht klagt, so zieht auch Katz seine Klage zurück. Vor allem würde Klostermann von den Juden für seine Novelle „S r u 1" 29) Dank verdienen. Nicht allzu oft hat ein Nicht jud-e so liebevoll über Juden geschrieben. Srul, ein ganz armer Jude, übersiedelte bald nach dem Jahre 1848 mit seiner aus Frau, drei Kindern und Mutter bestehenden Familie in ein Böhmerwalddorf und fand zunächst im Dorfwirtshaus Unterkunft. Der Aufenthalt wurde ihm zur Hölle. Der Wirt brachte die Familie in einem baufälligen Stall unter, in dem sie weder vor Regen noch vor Wind und Kälte geschützt war. Die Bevölkerung boykottierte sie und sie durfte sich aus ihrem Schlupfwinkel nicht hervorwagen. Das schadhafte Dach ihrer Behausung bildete lange Zeit hindurch für die über- 73