Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 3 (1931)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- – (sequence 70)
- Language
- German
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Maruschka versuchte einmal, zu Viktor zu fliehen, und auch sie wurde daran gehindert. Die große Liebe, die beide jungen Leute mit einander verband, wurde erschüttert, denn jeder beschuldigte in seinem Innern den anderen, daß er ihm untreu geworden sei und an ihn vergessen habe. Nach dem Fehlschlagen des letzten Versuches und nachdem sich Viktor überzeugt hatte, daß Maruschka einem anderen Mann ihr Herz erschlossen habe, gab er dem Drängen seines Vaters nach, ließ von Maruschka ab und vermählte sich mit einem reichen, aber häßlichen und verwachsenen Judenmädchen aus der Stadt. In Gedanken an Maruschka konnte er sich lange Zeit an seine Frau nicht gewöhnen, die gewisser Vorzüge nicht entbehrte. Sie war eine sehr tüchtige Geschäfts- und Hausfrau und hob Viktors Geschäft vom ersten Tag an. Es dauerte einige Zeit, bis sich Viktor ihr als Gatte näherte; dann gebar sie ihm nacheinander drei schwachsinnige Kinder. Nach der Geburt der beiden ersten Kinder war Viktor, der sich inzwischen materiell rangiert hatte, tief unglücklich, nach dem dritten Kind aber war er der Verzweiflung nahe. Er verfiel in eine schwere Krankheit, und als er sich erholt hatte, war er in seinem Wesen ganz verändert. Rachsucht und Geldgier waren die Triebfedern seines Tuns und Lassens. Alle bösen Eigenschaften der jüdischen Rasse nahmen in seinem Wesen überhand. Er bewucherte die Bauern und brachte einen nach dem anderen an den Bettelstab. Alle seine einstigen Feinde fielen seiner Rache zum Opfer, ja selbst seinen einstigen Freund Kalis schonte er nicht. Sonderbarerweise stieg mit seinem Reichtum und seinen Übeltaten auch sein Ansehen im Dorfe und in der Umgebung. Er wurde zum Mitglied des Gemeindeausschusses in Ustic und zum Verwaltungsrat der Sparkassa im nächsten Städtchen gewählt. In dieser Zeit wurde ihm ein vierter Sohn geboren, der wider Erwarten normal und gesund war. Rosenzweig sah in der Geburt des gesunden Kindes einen Fingerzeig Gottes und wurde dadurch in seiner jetzigen Handlungsweise nur noch bestärkt. Solange er anständig war, gebar ihm seine Frau Krüppel; erst als er zur Geißel der Dorfbewohner geworden war, schenkte ihm Gott ein gesundes Kind. So blieb er seinem jetzigen Grundsatz treu und wurde zum Geier der Gegend, in dessen Krallen gar viele Opfer verendeten. Obgleich Vachek seinen jüdischen Helden in den schönsten und sympathischesten Farben zeichnet und für sein späteres Verhalten nicht ihn, sondern die christliche Gesellschaft im Dorfe, vornehmlich die katholischen Frömmler, verantwortlich macht, die ihn zur Verzweiflung treiben, so vermögen wir ihn vom Antisemitismus dennoch nicht frei- 66