Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 3 (1931)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- – (sequence 69)
- Language
- German
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wenig zur jüdischen Religion. Seine Charaktereigenschaften waren von denen, die allgemein als jüdisch gelten, grundverschieden. Sein Vater hatte längst über ihn den Stab gebrochen und wendete nichts dagegen ein, daß sich Viktor in Ustic, einem Dorfe im nordöstlichen Böhmen, etablierte, nachdem er einige Jahre in verschiedenen Geschäften als Gehilfe zugebracht hatte. Viktor Rosenzweig stieß bei der Usticer Bevölkerung auf Widerstand; nur der Pfarrer und der Müllersohn Peter Kalis, ein verbummelter Student, kamen ihm freundschaftlich entgegen. Da er eine weibliche Person suchte, die ihm die Hauswirtschaft in Ordnung halten sollte, empfahl ihm der Pfarrer die alte Adämek, eine verläßliche Witwe, die eine siebzehnjährige, bildschöne Tochter besaß. Viktor Rosenzweig nahm beide ins Haus und es dauerte nicht lange, so verliebte er sich in das üppige, seine Sinne reizende Mädchen. Er fand Gegenliebe, denn er war viel besser als die übrigen Dorfburschen. Maruschka gefiel Viktors zartes, feines Wesen und seine Intelligenz, durch die er von den ungebildeten und rohen Dorfburschen so vorteilhaft abstach. Eine Zeitlang konnten Viktor und Maruschka ihre Zusammenkünfte vor der Mutter und den Ortsbewohnern geheimhalten; als sich aber Maruschka Mutter fühlte, mußte sie sich ihrer Mutter anvertrauen. Diese, eine übereifrige Katholikin, war ob der Verfehlung ihrer Tochter, dazu mit einem Juden, ganz verzweifelt. Sie verließ auf der Stelle Viktors Haus und übersiedelte mit der Tochter zu Bekannten. Gegen Viktor begann im Dorfe ein maßloses Kesseltreiben, obgleich er erklärt hatte, daß er zum christlichen Glauben übertreten und Maruschka zu seiner Frau machen wolle. Trotzdem sich der Pfarrer für Viktor warm einsetzte, machte ihm der Bischof den Übertritt zum Christentum infolge der Intrigen einiger Dorfbewohner unmöglich. Viktor hatte viel Liebeskummer zu ertragen, zu dem sich ein schmerzvolles nervöses Herzleiden gesellte, das ihn häufig aufs Krankenlager warf; außerdem wurde er von schweren materiellen Sorgen bedrückt. Das Geschäft war in der letzten Zeit infolge der Aufregungen und der vielen Anfeindungen sehr zurückgegangen und er, der in seiner Gutmütigkeit und Vertrauensseligkeit den Dorfleuten viel kreditiert hatte, konnte seine Außenstände nicht eintreiben und wurde von seinen Gläubigern hart bedrängt. Am schwersten aber traf ihn Maruschkas Übersiedlung aus Ustic in ein fern liegendes Dorf. Die alte Adämek hatte ihre Tochter fortschaffen lassen, um sie von Viktor fernzuhalten. Wiederholt versuchte Viktor sich mit Maruschka zu verständigen. Alle seine Bemühungen, sich ihr zu nähern, waren vergeblich. Auch 65