Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 3 (1931)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- – (sequence 64)
- Language
- German
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Bauern benimmt er sich frech und feige, zu den Untergebenen stolz und überhebend, gegenüber den Stärkeren ist er kriecherisch. Im Vseliber Meierhofe wütet er solange, bis der junge Beamte Jirout beim Gutsherrn durchsetzt, daß Porges der Pachtvertrag gekündigt wird. Josef Holeßek (1853—1929), einer der bedeutendsten tschechischen Romanschriftsteller, schuf in dem aus 9 Bänden bestehenden Werk „Unsere Leute" (Nasi) eine Chronik seiner südböhmischen Heimat. Das jüdische Element ist in diesem größten tschechischen Dorfroman durch Leopoldka vertreten. Die bettelarme Witwe Sara Muttermilch siedelte sich in den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts mit ihrem Söhnchen Leopoldka in dem Dorfe Jezbery, in der Nähe von Budweis, an. Sie fristete ihr kümmerliches Dasein von dem Ertrag eines Hausierhandels mit alten Lumpen und Glas und dem bißchen Milch, das ihr eine Ziege bot. Leopoldka — die Dorfleute nannten ihn, da sie seinen deutschen Namen nicht aussprechen konnten, Mundrmüek — hatte von den Knaben im Dorfe manche Unbill erfahren; er war aber schlau und kaufte sich durch Zuckerstangen und andere Näschereien von den ihm zugedachten Prügeln los. Sara Muttermilch errichtete sich ein kleines Geschäftchen, das Leopoldka, obgleich er noch ein Knabe war, mit großem Geschick betrieb. Es war ein Kreuzergeschäft, aber Leopoldka arbeitete mit 200 bis 300 Prozent. Als ihm bei einem Kirchweihfest der kleine Laden, den er sich auf dem Dorfplatz aufgestellt hatte, von der übermütigen Jugend geplündert worden war, erhielt er für die gestohlenen Waren im Werte von 5 fl. durch seine Schlauheit einen Schadenersatz von 15 fl. und mit diesem Kapital stellte er sein Geschäft auf eine neue Grundlage. Obgleich er keine Schule besuchte — er erhielt von einem aus Budweis kommenden Lehrer deutschen und hebräischen Unterricht — war er den übrigen Dorfkindern an Kenntnissen weit überlegen und mit 14 Jahren schätzte man ihn als tüchtigen Kaufmann. Sein Geschäft vergrößerte sich von Jahr zu Jahr; er verleitete mit beredter Zunge die Bäuerinnen und ihre Töchter zu allerhand Putz, kaufte von den Bauernsöhnen gestohlenes Getreide und in der Umgebung wertvolles altes Geschirr, das er den Bauern scheinbar gut bezahlte, an dem er aber noch weit mehr verdiente. Zu den übrigen Artikeln führte er in seinem Geschäfte Schnaps ein, zu dessen Genuß er die Dorfbewohner verleitete; auch war er eine Art Privatsekretär der des Schreibens unkundigen Bauern. Mit 23 Jahren war Leopoldka ein fertiger Mensch und ein gut situierter Kaufmann. Er heiratete und seine Frau half ihm sein Vermögen noch vergrößern. Er wohnte nicht mehr in der kleinen Hütte wie einst, sondern in einem geräumigen, gut eingerichteten Hause, dem man den Wohlstand des Eigentümers ansah. Mit Hilfe seines Agenten 60