Mannheim
Compact Memory

Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik · 1931-01-01 · 3 (1931) · page 38

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
Volume
3 (1931)
Date
1931-01-01
Page
– (sequence 38)
Language
German
Belongs to
journal volume
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2644300-2644305--1044-2645387
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

oder seine schriftstellerische Tätigkeit zusammenführten. In dem Aufsatz über Dr. Blumenstock-Halban zeigt Machar, welche Dienste dieser hohe Beamte dem Unterrichtsminister Gautsch leistete und wie er als Direktor der Parlamentskanzlei der ruhende Pol im Wechsel der Regierungen war. Rührend schildert er Haibans Kaltstellung durch Gautsch, dem er zur Stelle des Ministerpräsidenten verholten hatte. — Eine ganz ungewöhnliche Persönlichkeit war Theodor Ritter v. Taussig. Das empfand Machar vom ersten Augenblick an, wo er ihm als junger Bankbeamter entgegentrat. Machar beschreibt seinen Aufstieg und hebt seine finanztechnische Genialität hervor, die ihm eine ganz besondere Stellung in der Bodenkreditanstalt schuf. Auch erzählt er, wie er ihm als Sekretär persönlich näher gekommen war. — Ebenso interessant wie treffend schildert Machar den reichen Sonderling und politischen Schwärmer Lucian B r u n n e r, den man seinem ungepflegten Äußeren nach eher für einen Bettler als einen Bankier gehalten hätte, und dessen Adlatus, den Journalisten Herrmann Kadisch. Beide träumten von einem neuen und glücklichen Österreich. Aus dem bisher Gesagten ist Machars Vorurteilslosigkeit denn Judentum gegenüber klar ersichtlich. In seinem Buch „W i e n" bezeichnete er sich selbst als einen Freund der Juden und der mährische, klerikalantisemitische Schriftsteller Dostäl-Lutinov, der Vrchlicky wegen des „Bar Kochba" und der „Weisheit des Rabbi" angegriffen hatte, hieß ihn den „Israel in der tschechischen Literatur". In der Tat trat Machar wiederholt gegen den Antisemitismus auf. In dem Buche „S a t i r i c o nu finden wir einige gegen die Judenfeindschaft gerichtete Gedichtchen; er greift den Dichter Dostäl-Lutinov an, weil er mit seinen Anhängern durch den Antisemitismus das ganze Land Mähren verseuche, er geißelt in dem Buch „Wien" den Wiener Antisemitismus, wobei er genug objektiv ist, Luegers Vorzüge nicht zu verkennen. Als einen Judenfreund kennzeichnet Machar auch die Erzählung „M oralitätsb e s t i e" (Moralistm bestie). Die Bevölkerung eines Ortes in Niederösterreich (es könnte ebensogut in Böhmen sein) lehnt sich gegen ihren Pfarrer auf, weil dieser mit der Kaufmannsfamilie Kohn Umgang pflegt. Sie läßt durchblicken, daß er mit Frau Kohn ein Liebesverhältnis unterhalte, und hetzt so lange gegen ihn, bis er den Ort verläßt. Sein Nachfolger, ein sinnlich veranlagter, genußsüchtiger Mensch, hat ein offenes Verhältnis mit seiner Köchin. Es fällt aber niemandem ein, sich daran zu stoßen, denn sie ist — Katholikin. Machars enge Beziehungen zum Judentum konnten auch auf seine Poesie nicht ohne Einfluß bleiben. Wie Vrchlicky so verarbeitete auch er in seinem Werk biblische und jüdisch historische Stoffe. Schon als Tertianer trug er sich mit der Absicht, eine „Mosiade", einen Zyklus 34

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.